Welche Chancen die Parteineulinge haben: AfD und Piraten wollen in den Bundestag

Welche Chancen die Parteineulinge haben : AfD und Piraten wollen in den Bundestag

Die Wahlstrategen von Union und FDP konzentrieren ihre Kampagnen auf SPD, Grüne und Linkspartei. Am Ende aber könnte die von CDU-Chefin Angela Merkel angeführte schwarz-gelbe Koalition über einen politischen Gegner aus dem rechten Lager stolpern: Die Alternative für Deutschland (AfD). Aber auch die Piraten wollen den Einzug ins Parlament schaffen.

Die Euro-Kritiker rund um den Makroökonomie-Professor Bernd Lucke sind die große Unbekannte bei der Bundestagswahl. Von allen Splitterparteien hat die AfD nach Ansicht von Wahlforschern die größte Chance, in den Bundestag gewählt zu werden. "Das Stammwähler-Potenzial liegt irgendwo bei zweieinhalb Prozent", sagt der Geschäftsführer von TNS Emnid, Klaus-Peter Schöppner.

Diese zweieinhalb Prozent hat die AfD nach seinen Erkenntnissen von allen anderen Parteien abgezogen. Die These, AfD-Wähler seien hauptsächlich enttäuschte Unions-Wähler, ist demnach falsch. Die Gefahr für Schwarz-Gelb liegt demnach nicht bei den AfD-Stammwählern sondern bei den Protestwählern, die die Partei über die Fünf-Prozent-Hürde heben könnten. Dann wäre der hauchdünne Vorsprung von Schwarz-Gelb vor SPD, Grünen und Linkspartei in Umfragen dahin.

Aus Sicht von Forsa-Chef Manfred Güllner bedient die AfD ein latent vorhandenes rechtspopulistisches bis rechtsradikales Wählerpotenzial. "Das sind überwiegend Männer, überwiegend Alte, überwiegend gut Situierte aus den oberen Mittelschichten, die extreme Existenz-, Status- und Zukunftsängste haben", beschreibt der Wahlforscher den idealtypischen AfD-Wähler. Diese zornigen, alten Männer mit Hang zu rechten Thesen wurden bislang vor allem von CDU und CSU aufgefangen. Nach wie vor gilt die Maxime des legendären CSU-Chefs Franz Josef Strauß, keine Partei rechts von der Union zulassen zu dürfen.

Partei mit Protestpotenzial

Schöppner schätzt das Potenzial der Protestwähler auf rund fünf Prozent. "Die wollen den Etablierten irgendwo wehtun und zeigen 'so nicht'." Protestwähler seien ziemlich ideologiefrei und würden die Partei wählen, mit der sie am ehesten die etablierte Konkurrenz abstrafen könnten. "Das war vor vier Jahren die Linke, das waren zwischenzeitlich die Piraten, die unter anderem deswegen hochgekommen sind, das war in früheren Zeiten mal DVU, Republikaner, NPD", erklärt Schöppner.

Offen ist, ob die AfD das Protestpotenzial auch ausschöpfen kann. Die Wähler der etablierten Parteien müssten so frustriert sein, dass sie auch tatsächlich eine Partei wählten, die auf den ersten Blick nur geringe Chancen auf einen Einzug in den Bundestag habe, sagt Schöppner. Güllner spricht von einer Dunkelziffer über dem AfD-Stammwählerpotenzial, die schwer zu fassen sei.

Weder Schöppner noch Güllner machten eine Woche vor der Wahl Entwicklungen aus, die der AfD noch einmal einen deutlichen Schub hätten geben können. Nicht jedes Mal, wenn die Schuldenkrise in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit geriet, bedeutete das automatisch einen Stimmenzuwachs für die AfD. So hatte die AfD nicht davon profitieren können, dass die Bundesregierung nach einigem Hin und Her einräumte, nach der Bundestagswahl könne es ein drittes Griechenlandpaket geben. Finanzminister Wolfgang Schäuble habe das Thema gesetzt und damit Kompetenz vermittelt, erklärt Schöppner.

Demoskopen rechnen nicht mit Piraten

Wie die AfD hat auch der zweite, noch vergleichsweise neue Player auf der politischen Bühne — die Piratenpartei — kaum von der öffentlichen Debatte über eigene Themenschwerpunkte profitieren können. Der Skandal um das massenhafte Ausspionieren von Email- und SMS-Verkehr durch den US-Geheimdienst NSA hat der Partei keine relevanten Stimmenzuwächse gebracht.

Die drei Prozent, bei denen die Piraten derzeit in Umfragen rangieren, sind laut Schöppner "digital natives", also jene, deren Leben sehr stark von Informationstechnologie und Internet bestimmt wird. Die Wahlforscher gehen davon aus, dass die Piraten ihren Zenith überschritten haben und auch nicht mit Proteststimmen in den Bundestag gewählt werden.

Da die restlichen Splitterparteien — insgesamt sind 34 Parteien zu Bundestagwahl zugelassen — kaum ins Gewicht fallen, bleibt nach Lage der Dinge nur die AfD, die die Bildung der künftigen Bundesregierung beeinflussen könnte. Allerdings wird dies vermutlich nicht im Sinne der Euro-Kritiker geschehen.
Schöppner sagt voraus: "Wenn die AfD in den Bundestag kommt, dann erhöht das die Chancen auf eine große Koalition von Union und SPD."

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(REU)
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