"Tafel der Demokratie": Bundespräsident Wulff speist mit 1500 Bürgern

"Tafel der Demokratie" : Bundespräsident Wulff speist mit 1500 Bürgern

Berlin (RPO). Bundespräsident Christian Wulff hat am Freitag mit Hunderten Bürgern aus ganz Deutschland unter freiem Himmel am Brandenburger Tor gespeist. Zu der "Tafel der Demokratie" waren rund 1500 Gäste geladen. Die Veranstaltung wird seit 2004 zum Einstand des neuen Bundespräsidenten ausgerichtet.

Die Bürger laden ein, der Bundespräsident kommt — das ist die Idee der "Tafel der Demokratie", bei der am Abend in Berlin 1500 Menschen den Amtsantritt von Christian Wulff feierten. Vor der historischen Kulisse des Brandenburger Tors saßen die Gäste an großen weißen Tischen, Bundespräsident Wulff und seine Ehefrau Bettina kamen über einen roten Teppich zur Veranstaltung. Wulff lobte die Idee der bürgerlichen Tafel und versprach, Brücken bauen zu wollen zwischen Politik und Bürgerschaft.

"Ich möchte jede Idee eines jeden Mitbürgers ernst nehmen", sagte der 51-Jährige. Er sehe sich als Sprachrohr und wolle die an ihn herangetragenen Bitten an die zuständigen Stellen weitergeben. Wulff nahm sich zwischen den Gängen Zeit für die Gäste, die aus ganz Deutschland angereist waren. Neben Glückwünschen bekam Wulff Anregungen für die politische Arbeit.

50 RP-Leser feierten mit dem Bundespräsidenten

Auch am Tisch der Rheinischen Post nahm der Bundespräsident Platz. Als Medienpartner hatte unsere Redaktion ein Gewinnspiel zur Teilnahme an der "Tafel der Demokratie" ausgelobt. Außerdem waren verdiente Ehrenamtler von den RP-Lokalredaktionen zu der Reise nach Berlin eingeladen worden, so dass insgesamt 50 RP-Leser mit dem Bundespräsidenten feiern konnten. Wulff sagte, er sehe es als Aufgabe, zwischen den Bürgern und der Politik zu vermitteln. Deshalb werde er die an ihn herangetragenen Bitten der Gäste an die zuständigen Stellen weitergeben. "Ich sehe mich als Sprachrohr."

Ziel der Veranstaltung ist es nach Angaben der Organisatoren von der "Werkstatt Deutschland", den Dialog zwischen den Bürgern und ihrem ersten Repräsentanten fördern.

Drei-Gänge-Menü für die Gäste

Die Köche des Nobelhotels Adlon servierten Wulff, seiner Frau Bettina und den übrigen Gästen ein dreigängiges Menü. Als Vorspeise gab es Berliner Sülze vom Saalower Kräuterschwein und Gewürzgurken, als Hauptgang einen niedersächsischen Kartoffeleintopf mit Rauchwurst und Rinderbrust. Als Nachtisch stand Welfenspeise mit Waldbeeren auf dem Speisezettel - eine Creme, die eigens für das Herrscherhaus der Welfen in Hannover kreiert worden sein soll.

Zu Trinken gab es Rot- und Weißwein, helles sowie dunkles Kellerbier, Sekt und Leitungswasser. Zudem wurden kleine Pizza-Snacks gereicht.

Die Veranstaltung, die hauptsächlich von privaten Spendern getragen wird, wurde erstmals anlässlich des Amtsantritts Horst Köhlers vor sechs Jahren ausgerichtet. 2009 hatten sich ebenfalls rund 1500 Bürger zu einem Drei-Gänge-Menü am Brandenburger Tor versammelt, um die zweite Amtszeit des Wulff-Vorgängers zu feiern.

Weite Anreise zum Dinner mit dem Bundespräsidenten

Um pünktlich zur Ankunft von Bundespräsident Christian Wulff am Brandenburger Tor zu sein, musste Erna Rothbauer am Freitag früh aufstehen. "Um sechs Uhr morgens sind wir in Bad Füssing losgefahren", sagt die Frau um die 60, die in ihrer niederbayerischen Tracht an einem der weiß gedeckten Tische sitzt. Insgesamt 1500 Menschen aus allen Teilen Deutschlands haben die mehr oder weniger lange Fahrt auf sich genommen, um den neuen Bundespräsidenten während eines Drei-Gänge-Menüs an der "Tafel der Demokratie" kennenzulernen.

Über 10.000 Bewerber gab es nach Angaben des Veranstalters alleine bei der "Passauer Neuen Presse", die wie zahlreiche andere Medien die Karten an ihre Leser verteilen durfte. "Eigentlich war mehr mein Mann dahinter, dass wir mitmachen", sagt Rothbauer und lacht verlegen. Der sei nämlich ein "Fan" vom Wulff. Auf sein Drängen habe sie an der Verlosung für die Fahrt teilgenommen, und prompt zwei der 50 Karten gewonnen.

Sieben Mal müssen Wulff und seine Frau Bettina die Plätze wechseln, um mit möglichst vielen ins Gespräch zu kommen, sagt Franz-Reinhard Habbel, Vorstandsmitglied im Verein "Werkstatt Deutschland", der die "Tafel der Demokratie" veranstaltet. Bereits im Vorhinein hätten zahlreiche Menschen ihre Bitten an den Bundespräsidenten auf der Homepage tafelderdemokratie.de geäußert. Vor allem der Wunsch nach "mehr Wahrhaftigkeit in der Politik" sei oft aufgekommen, sagt Habbel.

Während sich die Gäste an den in 13 Reihen aufgestellten Tischen niederlassen, schleppen die 40 Köche eine Aluminiumwanne nach der anderen mit Essen aus dem benachbarten Hotel Adlon auf den Pariser Platz. Zur Unterhaltung der Gäste spielt eine Band allseits bekannte Klassiker. Als Wulff und seine Frau endlich auf dem roten Teppich durch das Brandenburger Tor schreiten, ertönt "Welcome Mr. President", ein Lied, das eine Frankfurter Alt-Herren-Band eigens für den Anlass komponiert hat.

Gegenveranstaltung: "Tafel der Habenichtse"

Auf der anderen Seite des Brandenburger Tores geht es weniger feierlich zu, dort haben die Erwerbslosengruppe "AG Soziales Berlin" und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di eine "Tafel der Habenichtse" aufgebaut. An einem windschiefen Biertisch wird Linsensuppe ausgeteilt. "Wir wollen hiermit gegen die 'Vertafelung' der Gesellschaft protestieren", sagt AG-Mitglied Roland Klautke. Mittlerweile gebe es 900 Tafeln für Bedürftige in Deutschland. Dieses bürgerschaftliche Engagement sei zwar begrüßenswert, könne eine sozialen Rechtsstaat aber nicht ersetzen. "Wir wollen keinen Almosenstaat, sondern eine Erhöhung der 'Hartz IV'-Regelsätze", sagt Klautke.

Als der Wagen des Bundespräsidenten vorfährt, macht das Gerücht die Runde, Wulff werde sich auch an der "Tafel der Habenichtse" blicken lassen. Doch dann werden die Organisatoren enttäuscht, der Präsident wählt doch den direkten Weg an die weiß gedeckten Tische auf der anderen Seite des Brandenburger Tores. Klautke kann sich einen zynischen Kommentar nicht verkneifen: "Wahrscheinlich wollte er sein Drei-Gänge-Menü nicht kalt werden lassen", sagt er und lacht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Christian Wulff speist mit 1500 Bürgern

(DDP/felt)
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