Bundesparteitag in Berlin: FDP hat viele neue Mitglieder

Bundesparteitag in Berlin : FDP – für manche eher ein Lebensgefühl

12.362 Mitglieder sind im vergangenen Jahr in die Partei eingetreten. Chef Christian Lindner hat die FDP neu aufgebaut - und sich damit einen Bonus erarbeitet.

Vor zwei Jahren wollte die FDP die „Betarepublik Deutschland“, was sie erst einmal übersetzen musste: Einfach mal anfangen, auch wenn nicht alles perfekt ist. Mut auch zum Risiko. Ein Jahr später wurde konkreter, was sie angesichts der herannahenden Bundestagswahl damit meinte: „Schauen wir nicht länger zu.“ Die Liberalen wollten also anpacken – und ließen dann doch die von CDU-Chefin Angela Merkel mit den Grünen und der FDP gewünschte Jamaika-Koalition fallen. Jetzt treffen sich die Liberalen zum ersten Bundesparteitag nach dem freiwilligen Verzicht auf die Macht.

Zwei Tage vor diesem Parteitag am Wochenende gab Merkel durch einen Besuch bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zwar zu erkennen, dass sie nach dem sie überraschenden Auszug der FDP aus den Koalitionssondierungen gelernt hat, die FDP ernster zu nehmen. Zugleich markierte sie in ihrer Festrede aber auch mehrfach, dass zu der von der FDP verstandenen Freiheits-Idee auch Mut und manchmal auch Zumutungen gehörten. Will sagen: Ihr, die Ihr in außerparlamentarischen Oppositionszeiten den „German Mut“ einforderten, hattet ihn dann selbst nicht, als es drauf angekommen wäre.

Christian Lindner mag das Manöver der Regierungschefin Recht sein. Die große CDU signalisierte der FDP, dass sie auch in Zukunft gebraucht werde. Doch zugleich richtet er seine Partei auf die Zeit nach Merkel ein, um den Wiedereinzug in den Bundestag nicht gleich durch die Zwänge einer Regierungsbeteiligung als Strohfeuer erscheinen zu lassen. Lindner (39) ist alt genug, um sich mit schlechten Erinnerungen das Schicksal der FDP zu vergegenwärtigen, als sie an der Seite von Helmut Kohl am erkennbaren Ende seiner Kanzlerschaft mit unterging. Vor allem aber ist er jung genug, um seine eigene Zukunft und die seiner Partei an der Zeit „nach Merkel“ auszurichten.

Er hat sich den Bonus erarbeitet, eine in Trümmern liegende FDP neu aufgebaut und in den Bundestag und drei Landesregierungen geführt zu haben. Davon kann er eine Zeit zehren. Er muss nun noch drei Jahre überbrücken und dabei das Kunststück fertig bringen, das Pulver nicht zu früh zu verschießen, ohne die Partei als Langweiler-Verein darzustellen, die nur auf die Zeit wartet, wenn Merkel weg ist.

FDP liegt stabil zwischen acht und zehn Prozent

Zwei Umstände kommen ihm entgegen: Die wütenden Reaktionen derer, die sich Jamaika so schön vorgestellt hatten, haben zwar die Öffentlichkeit aufgewühlt, nicht aber den Rückhalt für die Liberalen niedergerissen. Im bayerischen Landtagswahlkampf sind die Spender aus der Wirtschaft eben nicht ausgeblieben, wie es der FDP prophezeit worden war, als sie die Hoffnungen der Unternehmen, mit den Liberalen wieder ein Korrektiv in der Regierung zu haben, enttäuschte.

Und anders als 2009, als die FDP von Monat zu Monat tiefer in den Umfragekeller rutschte und bald aus dem Drei-Prozent-Tal trotz emsigen Regierens nicht mehr raus kam, ist sie in der selbstgewählten Opposition weiter stabil zwischen acht und zehn Prozent angesiedelt. Lindner hat durch sein Manöver erreicht, bis auf weiteres das Umfaller-Image losgeworden zu sein.

Zudem tut sich noch jenseits der großen Öffentlichkeit innerhalb der FDP eine Veränderung auf: 12.362 neue Mitglieder sind im vergangenen Jahr dazugekommen. Die FDP-Basis ist also zu einem Fünftel ausgetauscht. Und auch an diesem Parteitagswochenende dürften die Delegierten verblüfft feststellen, wie viel Lust aufs Mitmachen die aus allen gesellschaftlichen Schichten kommenden FDP-Neulinge mitbringen.

„Ich bin schon drei Wochen dabei, wo geht’s denn hier zur Arbeit?“

Die FDP ist dabei, sich von einer Partei zu einem Lebensgefühl zu wandeln. Viele Neumitglieder „lechzten“ geradezu danach, aktiv zu werden, berichtet Generalsekretärin Nicola Beer. Symptomatisch sei die Meldung eines Neumitgliedes: „Ich bin schon drei Wochen dabei, wo geht’s denn hier zur Arbeit?“

In einem ersten Schritt hat die Partei die Bundesfachausschüsse, in denen früher verdiente und nach langer Zugehörigkeit als Fachleute ausgewiesene Mitglieder die Positionierungen der Liberalen vorbereiteten, für alle interessierten Mitglieder geöffnet, die entsprechende Expertise mitbringen. Unter „meine-freiheit.de“ hat die Partei zudem ein eigenes Online-Portal geöffnet, um die Mitglieder im Netz zu beteiligen. Das Portal soll eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum gehen wird, das Europawahlprogramm zu erstellen.

Und dann ist die nächste Bundestagswahl schon fast wieder in Sichtweite.

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