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Neonazis infiltrieren soziale Netzwerke: Braune Menschenfänger im Web 2.0

Neonazis infiltrieren soziale Netzwerke : Braune Menschenfänger im Web 2.0

Düsseldorf (RPO). SchülerVZ, Facebook und Co. geraten in das Visier von Rechtsradikalen. Die Neonazis nutzen zunehmend sozialen Netzwerke, um Jugendliche anzuwerben. Offen zu erkennen geben sie sich dabei nicht. Experten warnen vor der braunen Welle.

Millionen Teenager und Jugendliche nutzen im Internet soziale Netzwerke. Rechtsradikale wollen Plattformen wie Facebook, SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ, Wer-kennt-wen oder StayFriends gezielt nutzen, um Mitglieder und Sympathisanten anzuwerben. "Jugendliche werden über den Austausch in den Foren vermehrt an die rechtsextremistische Szene herangeführt und auch angeworben", sagte der niedersächsische Verfassungsschutzpräsident Hans Wargel der "Welt".

Seit einiger Zeit bauen die Rechten ihre Online-Aktivitäten deutlich aus. "Die Beliebtheit dieser Dienste bei Jugendlichen und die potentielle Reichweite machen sich Rechtsextreme zu Nutze, um ihre Propaganda zu verbreiten und Jugendliche anzusprechen. Dieser Trend hat sich auch in den letzten Jahren fortgesetzt", erklärte Michael Wörner-Schappert, bei jugendschutz.net im Bereich Bereich Rechtsextremismus tätig, gegenüber unserer Redaktion.

Die Anzahl der allein von der Nichtregierungsorganisation dokumentierten rechtsextremen Beiträge in sozialen Netzwerken und Videoplattformen hat sich 2008 auf mehr als 1.500 verdoppelt. Zahlen für das letzte Jahr liegen noch nicht vor. Auch bei den Szene-Websites recherchierten die Jugendschützer mit 1.707 Angeboten einen Rekordwert.

Brauner Wolf im Schafspelz

Ein weiterer Trend: Die Neonazis setzen auf bunte Seiten und griffige Slogans, nutzen typische Symbole der Jugendszene. Dabei geben die Rechtsradikalen den Wolf im Schafspelz. Ausländerfeindliche Parolen und eindeutige Symbole sind tabu. "Teilweise agieren Rechtsextreme in Online-Communities mit Profilen, die eine Szenezugehörigkeit nicht oder nur schwer erkennen lassen", sagte Wörner-Schappert.

Wie gezielt sich die Rechten an die Jugendlichen heranschleichen, lässt sich am Beispiel der NPD verdeutlichen. In der "Deutschen Stimme", dem Zentralorgan der fremdenfeindlichen Partei, wird in der März-Ausgabe über die Web 2.0-Strategie doziert. "Nicht nur zur Selbstdarstellung im Wahlkampf, zum Bekanntwerden und Rekrutieren neuer Mitstreiter können VZ und andere Portale effektiv genutzt werden", heißt es in der braunen Parteipostille.

Anleitung für Mitgliederwerbung

Unter dem Titel "Die NPD in der virtuellen Welt" gibt es Tipps, wie sich Facebook und Co. unterwandern lassen. Man dürfe nicht ganz offen als NPD-Anhänger agieren, müsse sich aber gleichzeitig als aufgeschlossene Persönlichkeit darstellen - inklusive Beruf, Hobbys, Musik- und Literaturgeschmack. In den Anleitungen wird laut Wörner-Schappert "beispielsweise zum Aufbau möglichst großer 'Kontaktnetze' und zur Gründung oder Teilnahme an Gruppen animiert, um in Diskussionen 'seine Meinung kundzutun' und darüber rechtsextremes Gedankengut in Diskussionen einzustreuen und zu verbreiten."

  • Stiftung Warentest : Soziale Netzwerke schützen Daten nur mangelhaft
  • verbrecher dank Internet gefasst : Soziale Netzwerke auch bei Verbrechern beliebt
  • Facebook und Co. : 26,4 Millionen Nutzer in Sozialen Netzwerken

Eine rechtliche Handhabe gegen die Rechtsextremisten ist nicht einfach. Die Gruppen versuchen, sich mit anwaltlicher Beratung rechtlich unangreifbar zu machen und wandeln immer am Rande der Legalität. Der Experte empfiehlt: "Gerade in sozialen Netzwerken können User selbst aktiv werden. Fast überall gibt es Meldebuttons oder Meldefunktionen, mit denen rechtsextreme Inhalte, also Profile, Gruppen oder Videos, gemeldet werden können." Die Betreiber reagieren umgehend, sobald Inhalte gemeldet werden.

Innenminister kündigt Rechtsordnung an

Bundesinnenminister Thomas de Maizière zeigte sich unterdessen über die von Verfassungsschützern beobachtete Zunahme verschleierter "Werbung" von Rechtsextremisten im Internet besorgt. Der Strategie der Rechten müssten die Verfassungsschützer "hart entgegen treten", betonte der Minister. "Offenbar ist der Rechtsextremismus nicht attraktiv genug, als das man offen für ihn werben kann." Noch vor der Sommerpause will er Grundzüge einer Rechtsordnung für das Internet vorlegen.

Hier geht es zur Infostrecke: Chancen und Risiken von sozialen Netzwerken