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Schwaches Weiterbildungsangebot: "Bildungsschecks" helfen Pflegern nicht

Schwaches Weiterbildungsangebot : "Bildungsschecks" helfen Pflegern nicht

Das Weiterbildungsangebot des Landes nutzt eher den Gutverdienern, statt dringend benötigte Arbeitskräfte zu fördern.

Jochen K. (28) arbeitet als Wirtschaftsprüfungsassistent. Sein Bruttojahresverdienst liegt bei rund 38 000 Euro. Jetzt möchte sich der junge Mann zum Wirtschaftsprüfer weiterbilden lassen. Sein Jahresgehalt würde dann auf 55 000 Euro brutto steigen. Vorher müsste er jedoch rund 2000 Euro in die Weiterbildung inverstieren — gäbe es nicht den "Bildungsscheck" des Landes. Bei diesem Förderprogramm übernimmt das Land 50 Prozent der Weiterbildungskosten, bei Jochen K. also 1000 Euro.

Bereits seit 2006 fördert das Land mit den "Bildungsschecks" Angestellte kleiner und mittelständischer Unternehmen, die sich weiterbilden wollen. Gab es bisher jedoch nur maximal 500 Euro für einen Weiterbildungskursus, zeigt sich das Landesarbeitsministerium seit Anfang September spendabel. Dank einer Sonderzuwendung aus dem Europäischen Sozialfonds wurde die Fördersumme für zwei Jahre — bis Mitte 2015 — auf 2000 Euro erhöht. Empfangsberechtigt sind Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern, alle Beschäftigten — unabhängig von der Größe des Unternehmens — und Existenzgründer in den ersten fünf Jahren.

Mit der Unterstützung will das Land Bildungsanreize setzen und so dem Fachkräftemangel, vor allem in der Pflege, entgegentreten. Alleine dort werden nach neuesten Zahlen innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 150 000 bis 170 000 Fachkräfte fehlen. Zudem "flüchten" immer mehr Pflegekräfte aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und geringer Bezahlung aus ihrem Beruf.

Den Ansatz der Landesregierung halten Experten angesichts der dramatischen Lage für richtig. Allerdings geht der Geldsegen aus dem "Bildungsscheck" häufig an den dringend benötigten Pflegekräften vorbei. Stattdessen profitieren der solvente Wirtschaftsprüfer oder andere Gutverdiener von dem Programm.

Bildungsscheck kommt erst später

Das Problem liegt dabei — so paradox es klingt — bei dem geringen Einkommen der anvisierten Zielgruppe. Liegt das zu versteuernde Jahreseinkommen der Antragsteller unter 20.000 Euro, greift nämlich zunächst ein anderes Förderprogramm — die "Bildungsprämie" des Bundes. Sie entspricht einer Förderung von maximal 500 Euro, einmal im Jahr. "Bundesprogramme haben immer Vorrang vor Landesprogrammen, wenn es um die Förderung von Weiterbildungen geht", erläutert Mechthild Teupen von der Industrie- und Handelskammer in Düsseldorf.

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Im Umkehrschluss bedeutet das: Geringverdiener, die sich gerne weiterbilden möchten, bekommen zunächst maximal 500 Euro vom Bund, erst bei einer weiteren Fortbildung im selben Jahr hätten auch sie Anspruch auf einen "Bildungsscheck" — und die damit verbundene höhere Fördersumme. "Die meisten Geringverdiener können sich zwei Weiterbildungen pro Jahr jedoch nicht leisten", gibt Teupen zu bedenken. Eine Weiterbildung einer Pflegekraft zur Pflegedienstleitung kostet zum Beispiel je nach Anbieter etwa 5000 Euro.

Das Arbeitsministerium in NRW widerspricht dem nicht. "In der Tat würden viele Betroffene lieber den Bildungsscheck als die Bildungsprämie in Anspruch nehmen", sagt ein Sprecher. Dieser Zustand habe aber zum 30. Juni 2014 ein Ende, denn dann laufe die zweite Förderphase der "Bildungsprämie" aus. Aus dem für die "Bildungsprämie" zuständigen Bundesministerium für Bildung und Forschung kommen hingegen andere Signale. Dort heißt es: "Eine dritte Förderphase ist geplant." Pflegekräfte könnten demnach beim "Bildungsscheck" auch über den 30. Juni hinaus leer ausgehen.

Insgesamt erfreut sich der "Bildungsscheck" nach Erhöhung der Fördersumme von 500 auf 2000 Euro großer Beliebtheit. Einige der über 200 Beratungsstellen in Nordrhein-Westfalen mussten bereits Wartelisten anlegen. "Im Vergleich zum Vorjahresmonat hatten wir diesen September mehr als doppelt so viele Beratungsgespräche", bestätigt Helmecke. Man könnte auch sagen: Die Erhöhung der Fördersummen hat Begehrlichkeiten geweckt — an den dringend benötigten Pflegekräften geht sie vorbei.

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(RP)