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Zu wenig Kitas, zu viele Verlierer: Bildungsbericht liest Politik die Leviten

Zu wenig Kitas, zu viele Verlierer : Bildungsbericht liest Politik die Leviten

Der Bildungsbericht 2012 lässt in mehreren Passagen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die gute Nachricht: Das Bildungsniveau steigt. Die schlechte: Vom Betreuungsgeld halten die Experten gar nichts, beim Kita-Ausbau bescheinigen sie der Bundesregierung massive Versäumnisse, zudem ist jeder Fünfte von Bildungschancen ausgeschlossen.

Alle zwei Jahre legt das Expertengremium eine umfassende Studie zum Stand der Bildung in Deutschland vor. In diesem Jahr stehen im Bericht "Bildung in Deutschland 2012" unter anderem frühkindliche Förderung, Versäumnisse beim Kita-Ausbau und Bildungsgerechtigkeit im Fokus.

Die Forscher bescheinigen dem Bildungssystem deutliche Verbesserungen. "Der Bericht belegt viele positive Entwicklungen im deutschen Bildungswesen", erklärte der Sprecher der für den Bericht verantwortlichen Wissenschaftlergruppe, Horst Weishaupt. So erreiche mittlerweile die Hälfte der Jugendlichen eine Hochschulreife. Als positiv wertete er es auch, dass der Besuch einer Kindertageseinrichtung ab einem Alter von drei Jahren inzwischen zur Regel gehöre.

An anderer Stelle sparen die Experten jedoch nicht mit Kritik. Nach Ansicht der Wissenschaftler müssen Bund, Länder und Kommunen ihre Bemühungen deutlich erhöhten, um ab August 2013 den Rechtsanspruch auf eine Betreuung für Kinder unter drei Jahren sicherstellen zu können. Die Beteiligten müssten ihre Anstrengungen im Vergleich zu den Vorjahren "massiv steigern", mahnen die Bildungsexperten. Das gelte insbesondere für den Westen Deutschlands.

Mit insgesamt 750.000 Plätzen soll es 2013 für ein Drittel der Kinder einen Krippenplatz geben.

Immer mehr in der Kita Der Handlungsbedarf ist akut, denn der Bedarf nimmt zu. Laut Bildungsbericht lag die Bildungs- und Betreuungsquote im vergangenen Jahr bei 25 Prozent, nachdem sie 2006 nur 14 Prozent betragen hatte. Der Besuch einer Kindertagseinrichtung oder Kindertagespflege für Drei- bis Fünfjährige ist hingegen mit 94 Prozent deutschlandweit zur Regel geworden.

Viel zu wenig Personal Die Bildungsexperten warnen in ihrem Bericht auch vor einem Mangel an qualifiziertem Personal für die Kleinkindbetreuung. Um die Angebote ohne Qualitätsminderung sicherzustellen, sei es dringend erforderlich, zusätzlich pädagogische Fachkräfte zu gewinnen. Andernfalls drohen 2013 mindestens 12.400 Fachkräfte in Kitas und zwischen 22.000 und 29.000 in der Tagespflege zu fehlen.

Sprachförderung Auch die Qualität frühkindlicher Bildung müsse weiterhin in den Blick genommen werden. Zentrale Aufgabe sei hier die Sprachförderung von Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erlernen. Etwa ein Viertel der Drei- bis unter Siebenjährigen sei als sprachförderbedürftig einzustufen.

Betreuungsgeld Angesichts der Probleme beim Krippenausbau äußern die Experten zudem erhebliche Zweifel am Sinn des geplanten Betreuungsgelds, das Eltern erhalten sollen, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen. Auf Seite 66 des Bildungsberichts heißt es dazu: "Da die Finanzierung des noch ausstehenden U3-Ausbaus - zuzüglich der notwendigen qualitativen Verbesserungen - alle Beteiligten vor erhebliche Herausforderungen stellt, besteht die Gefahr, durch zusätzliche Leistungen wie dem Betreuungsgeld keines der intendierten Ziele zufriedenstellend realisieren zu können." Dieser Punkt aus dem Bildungsbericht war bereits am Mittwoch bekanntgeworden und hatte für erhebliche Diskussionen gesorgt.

Immer mehr Akademiker Laut Bericht erwirbt heute fast jeder zweite junge Mensch die Hochschulreife. Es gibt deutlich mehr Studenten und gute Arbeitsmarktchancen für Jung-Akademiker. Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt entspannt sich langsam.

Bildungsverlierer Desweiteren zeigt die Studie auf, dass in Deutschland die Bildungsschere weiterhin auseinandergeht. Zwar machen immer mehr Abitut und studieren, doch bleibt ein fester Bodensatz von Bildungsverlierern. Demnach bleibt jeder fünfte Schüler ohne Perspektive. Es gibt eine Gruppe, die unten hängt und da nicht mehr rauskommt", zitiert Spiegel Online Thomas Rauschenbach, Präsident des Deutschen Jugendinstituts.

Der harte Kern der Bildungsverlierer unter den Jugendlichen umfasst einen harten Kern von bis zu 20 Prozent: Sie können nicht richtig lesen oder Texte verstehen, brechen die Schule oder die Lehre ab und nehmen auch nicht an Weiterbildungskursen teil. Allerdings ist die Quote der Schüler ohne Hauptschulabschluss von 7,4 Prozent (2008) auf 6,5 Prozent (2010) erneut zurückgegangen.

Der Präsidenten der Kultusministerkonferenz, Ties Rabe (SPD), wertete die Bildungsstudie trotz aller Kritik als Zeichen für den richtigen Weg. "Die Zahl der Abiturienten nimmt zu, die Zahl der Schulabbrecher geht weiter zurück", sagte Hamburgs Schulsenator bei der Vorstellung des neuen nationalen Bildungsberichtes am Freitag in Berlin.

Fast alle drei- bis fünfjährigen Kinder besuchten inzwischen eine Kindertagesstätte, hob Rabe hervor. Fast jede zweite Schule mache Ganztagsangebote. Für den Bund sagte Bildungs-Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen, die Verbesserungen der vergangenen Jahre zeigten Wirkung. Gleichwohl dürften insbesondere die Bemühungen für diejenigen Schüler nicht nachlassen, die es besonders schwer haben.

Hier geht es zur Infostrecke: Zehn Ergebnisse aus dem Bildungsbericht 2012

(APD/dpa)