Bezeichnet sich AfD-Politiker Gunnar Beck zu Unrecht als Professor?

AfD-Europakandidat : Gunnar Beck irritiert mit diversen Berufsbezeichnungen

Ein Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, Gunnar Beck, muss derzeit einige Fragen beantworten. Dabei geht es unter anderem darum, ob er in Deutschland einen Professorentitel führen darf.

Gunnar Beck steht auf Platz zehn der AfD-Kandidatenliste zur Wahl des Europäischen Parlaments. Er ist 53 Jahre alt, seit 2005 lehrt er Europarecht und Rechtstheorie an der Schule für orientalische und afrikanische Studien (SOAS) der Universität London. Nebenbei ist er selbstständiger Anwalt („Barrister“). Das steht zumindest in dem Wikipedia-Artikel über Gunnar Beck. Der Text wurde kürzlich verändert.

Zuvor las man dort auch, der Politiker aus Neuss sei von der britischen Universität Sussex zum Professor ernannt worden. Seit Samstag ist dieser Zusatz verschwunden. Das berichtet das Internet-Portal „Verfassungsblog“. Gegenüber dem Gründer und Herausgeber von „Verfassungsblog“, Maximilian Steinbeis, gab die Hochschule an, Beck habe dort nie gearbeitet. Weiterhin sei er von der Universität auch nicht zum Professor ernannt worden.

Zudem wird Beck an der SOAS, die Universität, an der er aktuell lehrt, nicht als „Professor“, sondern als „Reader in Law“ geführt. Laut „Verfassungsblog“ sei der englische Titel vergleichbar mit einem „außerordentlichen Professor“ in anderen Ländern. Doch in Deutschland sei man eben nur dann Professor, wenn man als solcher ernannt wurde, schreibt Steinbeis weiter.

Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW bestätigte auf eine Anfrage unserer Redaktion: „Nach Paragraph 69 Abs. 4 iVm Abs. 2 Satz 5 des Hochschulgesetzes NRW ist eine Umwandlung eines im Ausland erlangten Hochschultitels – hier der erwähnte Titel „Reader“ – in einen entsprechenden inländischen Hochschultitel ausgeschlossen.“

Doch das möchte Beck auch offenbar gar nicht. In einer Stellungnahme teilte er am Dienstag mit: „Viele britische Universitäten haben die Berufsbezeichnung des Readers mittlerweile durch die Bezeichnungen Associate Professor, Professor oder zuweilen Titular Professor ersetzt. Reader an den verbleibenden Universitäten wählen im Ausland meist, und auch in Großbritannien häufig, die Berufsbezeichnungen Associate Professor oder generisch Professor. Die wahlweise Verwendung der Berufsbezeichnungen Associate Professor oder Professor an britischen Universitäten ist üblich und zugelassen, sofern die Berufsbezeichnung noch existiert.“

Wenn er also seine Berufstätigkeit als Professor und Fachanwalt für EU-Recht in London angegeben habe, sei diese Übersetzung richtig. Denn er habe so kenntlich gemacht, dass er eben in Großbritannien und nicht in Deutschland arbeite. Er habe somit den Sachverhalt seiner Berufstätigkeit inhaltlich richtig beschrieben, heißt es weiter.

Beck löst jedoch auch mit der Bezeichnung „Fachanwalt für Europarecht“ Irritationen aus. Diese soll Beck laut Deutschlandfunk bei Auftritten im Wahlkampf und in Internetangeboten der AfD verwendet haben. Der Geschäftsführer der Bundesrechtsanwaltskammer Christian Dahns erklärte gegenüber unserer Redaktion, dass es einen „Fachanwalt für Europarecht“ nach deutschem Recht nicht gebe. „Im Sinne der Fachanwaltsordnung ist das kein eigenständiges Rechtsgebiet. Es ist viel mehr für alle Rechtsgebiete relevant“, sagt der Experte. Nach seiner Einschätzung werde es vermutlich auch nie einen solchen Fachanwalt geben. „Meiner Meinung nach ist eine fälschliche Bezeichnung aber kein Titelmissbrauch, wohl aber ein berufsrechtlicher Verstoß.“

Auf den Wahlunterlagen für die Europawahl am 26. Mai wird Beck dem Bericht des Deutschlandfunks zufolge dennoch mit dem Professortitel geführt. Laut Bundeswahlleiter lasse sich das nicht mehr ändern.

In seiner Erklärung teilte Beck hingegen mit, dass er „juristisch einwandfrei und in der Übersetzung seiner Berufsbezeichnungen inhaltlich richtig gehandelt“ habe. Denn auf der „Zustimmungserklärung mit den Versicherungen des Eides statt von Bewerbern eines Wahlvorschlags“ habe er stets weder seinen Doktortitel noch „Professor“ als Berufsbezeichnung angegeben. Er habe einfach „Gunnar Beck“ geschrieben. „Hochschuldozent und Barrister für EU-Recht“ gab er in der Zeile „Beruf“ an.

Hinweis der Redaktion: Im Mai 2017 hat unsere Redaktion einen Gastbeitrag von Gunnar Beck zum Thema Target-Kredite veröffentlicht. Auch wir bezeichneten Beck dort als „Professor“ und „Fachanwalt für EU-Recht“.

(jms/afp)
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