Parteitag Lucke muss die AfD bändigen

Bremen · Bleibt die Alternative für Deutschland eine Partei der nüchternen Ökonomen, oder rutscht sie nach rechts ab? Der Parteitag, der an diesem Freitagabend startet, an diesem Wochenende wird es zeigen.

 AfD-Chef Bernd Lucke plant einen großen Auftritt am Wochenende.

AfD-Chef Bernd Lucke plant einen großen Auftritt am Wochenende.

Foto: dpa, ude htf vfd

Auch bei der Zahl der Parteitags-Delegierten, die ab heute Abend in Bremen erwartet werden, ist die Alternative für Deutschland anders als die herkömmlichen Parteien, die im AfD-Jargon abschätzig "Altparteien" heißen. 3500 AfD-Mitglieder haben sich nach Angaben eines Parteisprechers für das Treffen angemeldet; 2200 wollen mit Sicherheit morgen erscheinen.

Dann soll nämlich nach vorläufigem Plan zehn Stunden lang über die neue Bundessatzung debattiert und danach abgestimmt werden. Wegen des Delegierten-Andrangs tagt man gleichzeitig in einem Kongresshotel und in einem Musical-Theater. Auch Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich in Scharen angemeldet - anders als bei der außerparlamentarischen "Pegida"-Opposition werden Medienleute bei der AfD nicht pauschal nach Goebbels-Art als "Lügenpresse" diffamiert.

Solches Proletentum verbietet sich für die bürgerlich-gesittete Spitze der AfD, die aufgrund ihres akademischen Hintergrunds gerne als "Professorenpartei" tituliert wird. Abwertend klingt das nur in den Ohren von Leuten, die sich feixend amüsierten, als SPD-Kanzler Gerhard Schröder 2005 den renommierten Hochschullehrer Paul Kirchhof als "den Professor aus Heidelberg" madig zu machen versuchte.

Ob von dem Parteitag das Signal ausgesendet wird, dass die anschwellende Konkurrenz für CDU und CSU, aber auch für SPD und FDP tatsächlich eine Partei nüchterner, eurokritischer Hochschullehrer und praxisgestählter Ökonomen wie Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel oder Joachim Starbatty bleibt, hängt entscheidend vom Verlauf dieser zwei Tage ab.

Kurz formuliert: Wird Bremen zu Luckes Kongress? Kriegt der spröde Hamburger Volkswirtschaftsprofessor und Europa-Parlamentarier die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für die Konzentration auf zunächst zwei und ab Jahresende einen Vorsitzenden? Bekommt Lucke, der sich die Vorsitzenden-Rolle gegenwärtig noch mit der sächsischen AfD-Chefin, Chemikerin und Unternehmerin Frauke Petry und dem westdeutschen Publizisten und Altphilologen Konrad Adam teilt, vor allem Petry auf seine Seite?

Adam ist ein älteres Semester, Petry eine frische, ambitionierte Kraft, allerdings mit dem riskanten Hang, die Partei auch mit rechtspopulistischen Muskelspielen stärken zu wollen. Petry wird Lucke vorhalten, dass eine junge Gruppierung wie die AfD sich nicht vom eurokritischen Brot allein werde nähren können. Deshalb suchte die sächsische Vorzeige-AfD-Frau den Kontakt zur Dresdner "Pegida". Seit sich jedoch auch Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) mit den Protestlern traf, sehen sich die Unterstützer Petrys bestätigt in ihrem Bemühen, die Arme weit auszubreiten, auf dass jeder, der nicht gerade bekennender Rechtsextremist ist, für seine Sorgen ums Vaterland und den kleinen Mann ein offenes Ohr bei der AfD finde.

Geriete Lucke - der besonders von den liberalen Ökonomen in der AfD gestützt wird, hier an erster Stelle vom früheren Industrieverbands-Chef und IBM-Manager Hans-Olaf Henkel - morgen in die Defensive oder gar auf die Verliererstraße, verlöre die Partei wohl bald eine Reihe wichtiger Leistungsträger und eurokritischer Gründungsväter. Kurz vor dem Bremer Parteitag hatte die ehemals stellvertretende AfD-Chefin von Rheinland-Pfalz, Beatrix Klingel, mit ihrem Parteiaustritt ein lautes Stoppsignal gesendet. Einen "deutschen Front National" mache sie nicht mit, bekräftigte Klingel; genau das ist es, was auch Lucke, Henkel, Starbatty nicht mitmachen würden.

Dass sich zuletzt der hochumstrittene niederländische Rechtspopulist Geert Wilders bei der deutschen "Pegida" eingeschmeichelt hat, deren Anhänger eben auch Petry oder der altkonservative AfD-Chef aus Brandenburg, Alexander Gauland, umwerben, gilt Lucke und seinen Verbündeten als böses Omen. Lucke mag zwar gesellschaftspolitisch konservativ sein; wirtschaftspolitisch denkt er liberal. Als weltoffener Wissenschaftler, der unter anderem in Kanada und den USA gearbeitet hat, fehlt ihm jedes Verständnis für einerseits amerikafeindliche und andererseits Russland-liebedienerische Töne in seiner Partei. Den Euro jedoch - dieses Signal wird mit Sicherheit vom AfD-Parteitag ausgehen - halten sie alle dort für währungspolitisches Russisches Roulette. So viel Einigkeit wird in Bremen sein.

Als akademisch geprägter Kopf hat Lucke darauf hingewirkt, dass die Delegierten von kundigen Professoren verschiedener Disziplinnen intellektuell versorgt werden: Herwig Birg (Uni Bielefeld) referiert über die alternde Republik, Carl-Christian von Weizsäcker vom Max-Planck-Institut Bonn über Gesundheitspolitik nach Schweizer Vorbild, und Stefan Homburg (Uni Hannover) spricht zum Thema "Reform der Einkommensteuer".

(RP)