Deutscher „Flickenteppich“ an Hilfsangeboten Experten dringen auf Ausbau psychiatrischer Krisendienste

Berlin · Aus zunehmenden Sorgen können psychische Krisen werden. In solchen Fällen ist schnelle Hilfe gefordert, die in Deutschland aber vielerorts fehlt. Die Regierung will die Versorgung ausbauen – aber wie? Die Antwort auf eine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion offenbart Unklarheiten.

 Im Fall einer psychischen Krise können Krisendienste helfen, Menschen und deren Umfeld vor sich selbst zu schützen.

Im Fall einer psychischen Krise können Krisendienste helfen, Menschen und deren Umfeld vor sich selbst zu schützen.

Foto: dpa-tmn/Klaus-Dietmar Gabbert

Eine psychische Krise kann sich unterschiedlich äußern. Während die einen von Gefühlen wie Angst, Wut oder Trauer überwältigt werden, leiden andere unter Verwirrung oder sogar Halluzinationen. Doch egal wie sie sich äußert, kann eine solche Krise jeden treffen – und schnell zur Gefahr werden. Deshalb ist sofortige professionelle Hilfe besonders wichtig. Doch genau die fehlt vielerorts. Ein schneller Zugang zu psychiatrischen Leistungen ist laut CDU/CSU-Fraktion bis heute nicht flächendeckend und nicht zu jeder Zeit sichergestellt. In einer Kleinen Anfrage wollten die Abgeordneten wissen, welche Erkenntnisse die Regierung zur bundesweiten Versorgungslage hat und wie sie diese bewertet. Die Antwort von Staatssekretärin Sabine Dittmar, die nun vorliegt, ist aus Sicht der Union ernüchternd.

„Die psychiatrische Notfall- und Krisenversorgung bauen wir flächendeckend aus“, steht im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung geschrieben. Dabei liegt das in der Verantwortung der Länder. Leicht zugängliche und mobile Krisenhilfen würden insbesondere im Rahmen des öffentlichen Gesundheitsdienstes durch die Sozialpsychiatrischen Dienste angeboten und seien somit Sache der Länder.

„Die Art und der Umfang dieser Krisenhilfen ist der Ausgestaltung auf kommunaler Ebene vorbehalten“, heißt es nun in der Antwort der Regierung. Um den Ausbau des Öffentlichen Gesundheitsdienstes zu unterstützen, stelle der Bund aber vier Milliarden Euro für Personal, Digitalisierung und moderne Strukturen zur Verfügung. Zahlen zu psychiatrischen Notfällen liegen der Regierung den Angaben zufolge nicht vor, weder zu Einsätzen von Not- und Rettungsdiensten noch zur Verzahnung von ambulanten Krisenhilfen und Rettungsdiensten.

„Offenbar werden hier wieder einmal auf der bundespolitischen Ebene Ziele formuliert, die man selbst nicht umsetzen kann“, kritisiert Tino Sorge, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Die Bundesregierung schiebe die Verantwortung fast ausschließlich auf die Bundesländer.

Das Gesundheitsministerium verweist unterdessen auf die Bemühungen, das Angebot weiterzuentwickeln: Unter anderem sollen Wartezeiten deutlich reduziert und der Zugang für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen verbessert werden.

Neben einer langfristigen Behandlung braucht es aber vor allem schnelle Hilfe im Notfall, wie Stefan Corda-Zitzen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), weiß: „Es braucht fachliche Expertise, um beurteilen zu können, ob sich jemand selbst oder andere gefährdet.“ Durch psychiatrische Krisenhilfe könnten Menschen und deren Umfeld vor sich selbst geschützt werden. Im besten Fall verhindere die Unterstützung sogar eine Eskalation oder leite weitere Hilfestellungen ein. Bislang sei Deutschland diesbezüglich aber „ein großer Flickenteppich“, wie Corda-Zitzen sagt.

Aktuell sind flächendeckende Krisendienste nur in Berlin und Bayern gesetzlich vorgeschrieben. Daran könnten sich andere Bundesländer ein Beispiel nehmen, so Nils Greve, Vorsitzender des Dachverbands Gemeindepsychiatrie (DVGP). Er fordert eine regionale Krisenhilfe, die im Notfall nicht nur zu den Personen hinfahren kann, sondern auch telefonisch rund um die Uhr erreichbar ist. Denn: „Krisen richten sich nicht nach Bürozeiten“, wie der Psychiater unserer Redaktion sagt. Auch der DGSP plädiert für ein Krisennetz in jeder Region. Das müsse nicht zwangsläufig mit Fachärzten ausgestattet sein, sondern könne auch mit Sozialarbeitern, Sozialpädagogen oder Gesundheits- und Krankenpflegern mit mehrjähriger Berufserfahrung im psychiatrischen Bereich besetzt werden.

Um die Versorgung zu gewährleisten, braucht es eine angemessene personelle Ausstattung der sozialpsychiatrischen Dienste. Die dürfen laut Diana Stöcker, Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für das Thema „Psychotherapie und Psychiatrie“, aber nicht von finanziellen Zuschüssen der Kommunen abhängig sein. „Es kann nicht davon abhängen, ob man in einer gut versorgten städtischen oder minder versorgten ländlichen Region wohnt“, sagt sie unserer Redaktion. Deshalb fordert sie neben einer engeren Verzahnung von stationären und ambulanten Strukturen, dass sozialpsychiatrische Dienste ihre Leistungen mit der Krankenkasse abrechnen können. „Jede Person, die sich auch in einer psychischen Ausnahmesituation befindet, muss die Hilfe bekommen, die sie benötigt“, betont Stöcker.

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