Kolumne Berliner Republik Politiker als Promi-Stalker - so lange sie nützlich sind

Berlin · Politiker suchen gerne die Nähe zu Promis, um ihr Image aufzupolieren. Wenn der Umworbene in die Kritik gerät, heißt es: Rette sich wer kann.

Showstars und Spitzenpolitiker haben außer dem grellen Scheinwerferlicht, in dem sie agieren, nicht viel gemein. So sehr sich die Volksvertreter durch Paragrafen und Parlamentssitzungen rackern, bleiben sie doch am unteren Ende der beruflichen Beliebtheitsskala hängen. Show- und Sportstars sind dagegen Volkslieblinge, hängen im Großformat in Jugendzimmern, können Fanclubs und Millionen auf dem Konto vorweisen. Nähe zu Promis liegt Politikern also nahe. Abgeleitete Popularität ist auch Popularität.

So kramen Union und SPD vor Wahlen regelmäßig die Berbens, Lauterbachs und Gottschalks aus der Unterstützerkartei hervor und stellen sich mit ihnen auf die Bühne. Schaut her, liebe Wähler: Eure Lieblinge wählen uns! Weil der Noch-Nicht-Präsident Christian Wulff im Mai 2010 mit seinem Junge-Union-Image haderte, holte er persönlich den neuen Stern am Pop-Himmel, Lena Meyer-Landrut, nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest am Flughafen ab. Christian von Stetten, ein braver Bundestagsabgeordneter der CDU, Abteilung Hinterbank, brachte sich auf die Titelseiten der Illustrierten, weil er den Berliner Rüpel-Rapper Bushido als Praktikanten einstellte. Selbst Kanzlerin Merkel kann Promi-Stalken. Ihr Foto mit dem halbnackten Fußball-Nationalspieler Mesut Özil in der Kabine sollte zeigen, wie stolz "Mutti" auf Multikulti und wie ehrlich ihre Treue zum Lieblingssport der Deutschen ist.

Sinken die Beliebtheitswerte der Umworbenen, etwa weil strafbare Handlungen bekannt oder gesellschaftlich nicht akzeptierte Handlungen ruchbar werden, demonstrieren Politiker ihre Reaktionsschnelligkeit. Nichts wie weg, lautet dann die Devise. Als der SPD-nahe Literaturnobelpreisträger Günter Grass mit einem israel-kritischen Gedicht in Bedrängnis geriet, waren es SPD-Politiker, die vor Auftritten mit ihm warnten. So läuft das nun auch mit Uli Hoeneß. Die CSU-Oberen, die früher an ihrem Lieblingsbayern mit dem Erfolgsgen klebten, verweisen nun darauf, dass Hoeneß ja die SPD bei der Oberbürgermeisterwahl in München unterstütze. Die SPD erinnert daran, wie eng Hoeneß' Freundschaft zu seinem Aufsichtsratskollegen, dem CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber, ist.

Plötzlich will keiner Hoeneß kennen. Biografien werden halt entlang von Heldengeschichten erfasst, hat die Autorin Katja Kraus, Ex-Managerin des Hamburger SV, in einem Buch analysiert. Was bringt eine Lebensleistung, wenn am Ende die Justiz klingelt? Politiker haben ein besonderes Gespür dafür, wann sie jemand mit nach unten zu ziehen droht.

(brö)
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