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Berliner Republik: Achtung, es menschelt wieder in der Politik!

Berliner Republik : Achtung, es menschelt wieder in der Politik!

Im Wahlkampf zeigen Politiker bevorzugt ihre private Seite. Die Kanzlerin sinniert über Männer, der Gesundheitsminister kuschelt mit Teddys. Es wächst die Sehnsucht nach knochentrockener Politik.

Privates ist politisch, lautet ein alter Sponti-Spruch. Im Wahlkampf gilt dies allemal. Je näher die Bundestagswahl rückt, desto bereitwilliger öffnen selbst scheue Sachpolitiker private Fotoalben und plaudern über Gewürze, Lieblingssportler und sonstige Hobbys. "Wähler wählen Menschen, keine Politiker", ist die Botschaft der Meinungsforscher. Nur wer als Persönlichkeit punktet, gewinnt auch als Politiker Glaubwürdigkeit. Und da sehen offenbar einige Spitzenpolitiker Nachholbedarf.

Zum Beispiel Angela Merkel. So durfte man neulich in der politisch bedeutsamen Zeitschrift "Brigitte" erfahren, dass die Krisenkanzlerin "schöne Augen" bei Männern attraktiv findet und beim Kochen gar nicht daran denkt, dass sie ja auch Kanzlerin ist. Die Regierungschefin enthüllte gar, dass sie sich ärgert, wenn sie in einem Gespräch "dazwischenplappert".

Weil sie ja dann etwas Interessantes von ihrem Gesprächspartner verpassen könnte. Welch grundgütige Herrscherin, mag die geneigte "Brigitte"-Leserin da in sich hinein gemurmelt haben. Merkel als "desperate housewife", verzweifelte Hausfrau von nebenan.

Da will der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück nicht hinten anstehen. Als nüchterner Politik-Technokrat bekannt, soll der SPD-Mann "menschlicher" gezeigt werden, heißt es. So könnte Steinbrück doch mal auf dem Fahrrad zur Arbeit fahren und sich "zufällig" fotografieren lassen, schlägt ein Stratege der SPD-Zentrale vor.

Von Modellschiffen und Eisenbahnen

Oder Steinbrück zeigt seine Sammlung von Modellschiffen. Die Hobby-Eisenbahn von CSU-Chef Horst Seehofer erlangte schließlich auch Bekanntheit. Überlegt wird noch, Steinbrücks dänische Vorfahren medial zu nutzen. Vielleicht sieht man Steinbrück demnächst vor der Küste Kopenhagens in einem Windjammer schippern, in der Hand ein Smørrebrød mit Krabben.

Privates ist eben politisch. SPD-Chef Sigmar Gabriel berichtet neuerdings ausführlich und aufrüttelnd über seine Kindheit als Sohn eines unverbesserlichen Nazis. FDP-Chef Philipp Rösler verriet im Doppelinterview mit seiner Frau Wiebke, dass er heimlich Süßigkeiten für seine Zwillinge einkauft. Wow! Das Urviech der Privatpopularität ist indes Sozialministerin Ursula von der Leyen. Ihre Fotos der Großfamilie unterm Tannenbaum bleiben stilbildend.

Nun kontert Gesundheitsminister Daniel Bahr. Diese Woche besucht er eine Klinik, in der kranke Kinder mit Teddybären spielen, um sich abzulenken. Der FDP-Minister mit Teddy — das geht bestimmt. Bei soviel Tränen und Tratsch sehnt man sich fast wieder nach kernigen Debatten über Steuerkonzepte oder Föderalismus.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Positionen der Parteien im Mai 2013

(brö)