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Vom Massgebenden und Massgeblichen: Berliner Rede zur Bildung - Horst Köhler fordert Geld, Kindergarten-Pflicht, Religionsunterricht

Vom Massgebenden und Massgeblichen : Berliner Rede zur Bildung - Horst Köhler fordert Geld, Kindergarten-Pflicht, Religionsunterricht

Berlin (rpo). Bundespräsident Horst Köhler hat seine erste "Berliner Rede" gehalten. Das Thema: Bildung. Wie es darum in Deutschland stehe, sei "beschämend". Köhler forderte mehr Geld für Schulen und Universitäten, ein klares Konzept vom "Maßgebenden und Maßgeblichen", und er sprach von der Unverzichtbarkeit des Religionsunterrichts.

Ausreichende Bildung sei Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie: "Wo die Staatsgewalt vom Volk ausgeht, da kann es nicht gleichgültig sein, in welcher geistigen Verfassung sich das Volk befindet", sagte Köhler vor 300 Gästen in der Kepler-Oberschule im Berliner Problembezirk Neukölln.

Die PISA-Studie habe "genügend Anhaltspunkte dafür gegeben, dass unser Bildungssystem sich nicht auf der Höhe der Zeit befindet", sagte er und warnte Bund und Länder: "Die Deutschen werden die Vergleichsstudien und Ranglisten sehr genau verfolgen. Denn dort lässt sich durchaus ablesen, wie es um die Anstrengungen der Verantwortlichen steht. Für mich ist es ein zentraler Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit unserer bundesstaatlichen Ordnung, ob ihr die Verbesserung unseres Bildungswesens gelingt."

Für verpflichtendes Kindergartenjahr und Sprachtests

Konkret sprach sich der Bundespräsident "für ein verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr" aus und "für verpflichtende Sprachprüfungen vor dem Schuleintritt". Er ließ zwar offen, ob "im Deutschunterricht Gedichte auswendig gelernt oder lieber Bundestagsreden analysiert werden", und ob "es mehr Unterricht in Fremdsprachen" geben sollte, "oder in den Naturwissenschaften". Allerdings plädierte er für einen Kanon mit einer "klaren Vorstellung vom Maßgebenden und Maßgeblichen". Fächer wie Musik, Kunst und Sport dürften nicht ins Hintertreffen geraten.

Wichtig sei für ihn, dass auch in der Schule die Frage nach Gott gestellt werde. "Deshalb halte ich den Religionsunterricht für unverzichtbar", sagte Köhler unter verhaltenem Beifall. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Schulsenator Klaus Böger klatschten nicht: In der Hauptstadt ist gerade das Pflichtfach Ethik eingeführt worden, Religionsunterricht ist freiwillig.

Köhler plädierte auch für Islamunterricht. "Ich halte es für überfällig, dass in unseren Schulen den Kindern muslimischen Glaubens von gut ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird."

Wenig Beifall erntete Köhler auch bei einem vorsichtigen Plädoyer für ein soziales Pflichtjahr, um jungen Leuten die "nützliche Erfahrung, nützlich zu sein", zu ermöglichen. Der Pädagoge Hartmut von Hentig, der es vorgeschlagen habe, habe selbst Gegenargumente genannt, "und sie wiegen schwer", gab Köhler zu. "Aber wiegt nicht auch die Frage schwer, wie wir bei jungen Menschen Pflichtbewusstsein stärken, indem wir ihnen mehr Gelegenheit geben, sich verantwortlich und gebraucht zu fühlen?"

Der Bundespräsident kennzeichnete die Ausgaben des Landes für Bildung als insgesamt zu niedrig. "Ohne ausreichende und effektive Bildungsausgaben wird der Weg zu gesunden Staatsfinanzen noch schwieriger. Deshalb müssen wir den Mut und die politische Kraft haben, anderes zu Gunsten der Bildung zurückzustellen", erklärte er.

Er schloss mit einem Kennedy-Zitat: "Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die teurer ist als Bildung - keine Bildung." Unter stehendem Beifall der Gäste rief er dem Publikum zu: "Bildung für alle - das gelingt am besten, wenn sich alle dafür einsetzen, wenn wir alle uns bewegen. Was hindert uns? Auf geht's!"

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(ap)