Unsichere Zeiten für Arbeitnehmer Warum befristete Arbeitsverträge trotz Fachkräftemangel zunehmen

Exklusiv | Berlin · Trotz des Arbeitskräfte- und Fachkräftemangels nimmt der ohnehin hohe Anteil der sachgrundlos befristeten Arbeitsverträge wieder zu. Dabei hatte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) diese besonders verbreitete Form befristeter Verträge ursprünglich eindämmen wollen.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Mittwoch im Kabinett in Berlin.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Mittwoch im Kabinett in Berlin.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Der Anteil der befristeten Arbeitsverträge ohne bestimmten Sachgrund an allen Befristungen ist trotz des vielbeklagten Fachkräftemangels im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Sachgrundlose Befristungen hatten 2023 einen Anteil von 56,5 Prozent an allen befristeten Verträgen. Im Jahr 2021 waren es dagegen noch 55,7 Prozent. Das geht aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine schriftliche Frage der Linken-Abgeordneten Susanne Ferschl hervor.

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Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

2023 waren demnach insgesamt 1,3 Millionen Arbeitsverträge sachgrundlos befristet, etwa 55.000 weniger als 2021, wie das Ministerium schreibt, das sich auf Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit beruft.

Arbeitgeber nutzen befristete Arbeitsverträge verstärkt in konjunkturellen Schwächephasen, weil sie dann weniger sicher sind, ob sie jemand über längere Zeit weiterbeschäftigen können. Für Arbeitnehmer bedeutet die Befristung allerdings mehr Unsicherheit über die berufliche Zukunft. Laut Mikrozensus waren 2022 trotz des Fachkräftemangels gut 3,2 Millionen Menschen oder 8,7 Prozent aller Beschäftigten nur befristet angestellt, etwa 100.000 mehr als im Vorjahr.

Gewerkschaften und linke Parteien gehen davon aus, dass Arbeitgeber Befristungen auch unabhängig von der Konjunkturlage nutzen, um Beschäftigte leichter wieder loswerden zu können. Indiz dafür ist der anhaltend hohe Anteil der Befristungen bei Neueinstellungen von mehr als einem Drittel. Betroffen davon sind häufig Berufseinsteiger.

Ohne Grund nur befristet

Die einfachste Variante für Arbeitgeber ist die Befristung ohne spezifischen Sachgrund. Das heißt, sie werden nicht mit einer nachvollziehbaren Begründung geschlossen. Im Arbeitsrecht ist eine sachgrundlose Befristung bis zu 24 Monaten möglich, kürzer laufende Verträge können bis zu dieser Höchstdauer bis zu dreimal verlängert werden. Minister Heil hatte diese Form der Befristungen vor der Bundestagswahl 2021 gesetzlich einschränken wollen, doch dazu kam es nicht mehr. Die Ampel hat vereinbart, sie nur im öffentlichen Dienst zurückzufahren.

Hoher Anteil der Privatwirtschaft

Besonders hoch war der Anteil der sachgrundlosen Befristungen im vergangenen Jahr in der Privatwirtschaft mit 71,8 Prozent aller befristeten Verträge, wie das Ministerium schreibt. 2021 waren es noch 69,2 Prozent. Lediglich im öffentlichen Dienst nahm der Anteil deutlich ab – und zwar von 33,3 Prozent 2021 auf 23,2 Prozent vergangenes Jahr.

Der Antwort des Ministeriums zufolge stagnierte auch der Anteil der sachgrundlosen Befristungen bei Neueinstellungen: Im vergangenen Jahr wurden 63,2 Prozent aller neuen befristeten Arbeitsverträge ohne Sachgrund geschlossen, 2021 waren es 63,4 Prozent. Insgesamt stieg die Zahl der sachgrundlos befristeten Neueinstellungen um rund 50.000 auf 665.000 im Jahr 2023.

Linke fordert Abschaffung

„Der Anteil sachgrundlos befristeter Beschäftigung nimmt wieder zu. Das ist eine schlechte Nachricht, denn befristete Arbeitsverhältnisse sind mit niedrigeren Löhnen, mieseren Arbeitsbedingungen und mehr Unsicherheit für die Beschäftigten verbunden“, sagte Linken-Politikerin Ferschl. „Die positiven Entwicklungen im öffentlichen Dienst werden gänzlich von den steigenden Befristungen in der Privatwirtschaft ausgeglichen. Das Versprechen im Koalitionsvertrag, nur beim Bund als Arbeitgeber die sachgrundlose Befristung zu bekämpfen, greift zu kurz. Die sachgrundlose Befristung ist ersatzlos zu streichen“, so Ferschl.