Assistierter Suizid Warum Sterbehilfe ganz enge Grenzen haben sollte

Meinung · Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts will Deutschland den assistierten Suizid neu regeln. Dabei sollte es um die bestmögliche Begleitung schwerkranker und lebensmüder Menschen gehen. Doch es geht auch um eine ethische Frage, die negative Auswirkungen haben könnte.

 Notausgang Sterbehilfe? Parlamentarier müssen bald über neue Regeln zum assistierten Suizid entscheiden.

Notausgang Sterbehilfe? Parlamentarier müssen bald über neue Regeln zum assistierten Suizid entscheiden.

Foto: dpa/Patrick Seeger

Wenn die Parlamentarier am Donnerstag im Bundestag über neue Regeln zum assistierten Suizid abstimmen, geht es um praktische Probleme: Wer soll sterbenskranke oder lebensmüde Menschen künftig beraten, wer die Freiwilligkeit ihrer Entscheidung sicherstellen? Doch dahinter steht eine fundamentale Frage: Wie „gewöhnlich“ soll es künftig sein, dass Menschen durch Suizid aus dem Leben scheiden? Das hat Auswirkungen auf das Leben davor, auf den Umgang mit alten oder chronisch kranken Menschen, auf unsere Einstellung zum Leben, das nur mit Einschränkung möglich ist. Darum betrifft diese im Detail komplizierte Debatte jeden.

Da ist zum einen der Wunsch vieler, im äußersten Fall die Option auf einen Suizid zu bekommen. Gerade, wenn Menschen Schmerzen haben, wenn keine Chance auf Heilung mehr besteht oder eine chronische Erkrankung Leben in Leid verwandelt, wollen sie zu nichts gezwungen sein. Die Vorstellung, einem unerträglichen Schicksal nicht entrinnen zu dürfen, macht Angst. Darum erscheinen möglichst liberale Regeln im Umgang mit Sterbehilfe für viele erstrebenswert. Auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das „Verbot des geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“, wie es bisher in Paragraf 217 des Strafgesetzbuches geregelt ist, zu kippen und dem Gesetzgeber nahezulegen, mit neuen Regeln für die Sterbebegleitung dem „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ zu entsprechen, betont diesen Autonomiegedanken.

Doch selbst im Suizid „nur“ einen Ausdruck des freien Willens zu sehen und aus diesem einseitigen Freiheitsgedanken alle Hürden zu senken, könnte auf lange Sicht dazu führen, dass der Suizid gerade am Lebensende zu einem gewöhnlichen Verfahren wird. Zu etwas, das Menschen als der leichteste Schritt erscheint angesichts der Missstände in der Pflege und zunehmender Einsamkeit in einer alternden Gesellschaft. Diese Notstände zu beheben, sollte an erster Stelle stehen. Statt Suizid unter dem Etikett der Selbstbestimmung als gewöhnliche Option zu propagieren. Leid kann unerträglich werden. Wer wollte darüber urteilen, wenn Menschen im Suizid den einzigen Ausweg sehen? Eine humane Gesellschaft sollte ihnen bestmöglichen Beistand gewähren, aber zugleich alles dafür tun, dass solche Schicksale bleiben, was sie sind: Einzelfälle.

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