Armutsbericht 2017: Armut in Deutschland auf neuen Höchststand

NRW besonders betroffen : So arm ist Deutschland wirklich

Fast jeder sechste Deutsche gilt als arm - das geht aus einem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hervor. Demnach ist Nordrhein-Westfalen eine besondere Problemregion.

15,7 Prozent der Deutschen sind von Armut betroffen. Nach Aussagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes markiert das den Höchstwert eines mehrjährigen Trends wachsender Armut. Rein rechnerisch sind damit 12,9 Millionen Menschen arm.

Als einkommensarm wird in dem Bericht jede Person gezählt, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Dabei handele es sich "um das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes, inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, anderer Transferleistungen oder sonstiger Zuwendungen."

Das für den aktuellen Bericht neu ausgewertete Datenmaterial stammt aus dem Mikrozensus 2015. Erstmals ermöglicht der Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes einen Zehn-Jahres-Vergleich.

Große Unterschiede zwischen Arm und Reich in NRW

Auffällig sei dabei der Rückgang der Armutsquote in allen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Berlins. Auf der anderen Seite stieg die Armut in allen westdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Hamburgs und Bayerns spürbar an.

Als Schwerpunkte identifiziert der Bericht im Zehn-Jahres-Vergleich die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungszahl und der Bevölkerungsdichte müssten das Ruhrgebiet und Berlin als die armutspolitischen Problemregionen Deutschlands angesehen werden.

Besonders gut stehen in NRW Arnsberg (13,7 Prozent), Bonn (13,5 Prozent), Münster (14,6 Prozent), Paderborn (15,1 Prozent) und Siegen (14,4 Prozent) da. Diese Städte sind nicht nur unterproportional von Armut betroffen - sie sorgten durch eine gute Entwicklung 2015 auch dafür, dass der Anstieg der Armutsquote für ganz Nordrhein-Westfalen gebremst werden konnte.

Gleichzeitig ist es auch 2015 das Ruhrgebiet, das die Armutsentwicklung Nordrhein-Westfalens prägt. In keiner anderen Region dieser Größenordnung wuchs die Armut im Zehn-Jahres-Vergleich so stark wie im dort (von 16,2 auf 20,2 Prozent). Jeder fünfte Einwohner dieses größten Ballungsraumes Deutschlands mit seinen über fünf Millionen Menschen muss damit rechnerisch zu den Armen gezählt werden.

Die Verteilung von Armut in NRW im Jahr 2015:

  • Dortmund: 22 Prozent
  • Emscher-Lippe: 20,4 Prozent
  • Duisburg/Essen: 19,6 Prozent
  • Bochum/Hagen: 19,4 Prozent
  • Aachen: 18,6 Prozent
  • Düsseldorf: 17,6 Prozent
  • Bielefeld: 16,6 Prozent
  • Köln: 16,2 Prozent
  • Paderborn: 15,1 Prozent
  • Siegen: 14,4 Prozent
  • Arnsberg: 13,7 Prozent
  • Bonn: 13,5 Prozent

Im Ländervergleich 2015 liegt die Zahl der Betroffenen in NRW mit 17,5 Prozent im Mittelfeld. Der Wert ist seit 2013 stabil. Damit liegt NRW im Bundesvergleich auf Platz 10, hinter dem Saarland (17,2 Prozent) und vor Sachsen (18,6 Prozent). Die geringste Armut herrscht in Bayern mit 11,6 Prozent Betroffenen, die größte in Bremen mit 24,8 Prozent.

Senioren und Alleinerziehende sind Risikogruppen

Alarmierend sei im Zehn-Jahres-Vergleich insbesondere die Armutsentwicklung bei Rentnerinnen und Rentnern. Ihre Armutsquote stieg zwischen 2005 und 2015 von 10,7 auf 15,9 Prozent und damit um 49 Prozent, ein völliger "Ausreißer in der Armutsstatistik". Durchgreifende Reformen in der Alterssicherung seien daher unausweichlich, um Altersarmut vorzubeugen, so der Bericht.

Auch immer mehr Alleinerziehende in Deutschland drohen in Einkommensarmut zu geraten: 43,8 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe war 2015 von Armut betroffen. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich dabei laut Bericht um Mütter. Auffällig ist, dass die Armutsquote steigt, obwohl mehr Erwerbstätige Arbeit haben. Grund dafür kann etwa eine Anstellung im Niedriglohnsektor sein oder in frauentypischen Berufen wie dem Pflegebereich. Bei kinderreichen Familien liegt die Quote übrigens bei 25 Prozent.

Wann ist arm wirklich arm?

Allerdings steht der Bericht immer wieder in der Kritik. Grund ist die benutzte Definition der Armutsgrenze. Demnach lag sie für ein Ehepaar mit zwei Kindern im Jahr 2015 beispielsweise bei 1978 Euro im Monat. Die Frage ob das genug für angemessene Lebensverhältnisse ist oder nicht, steht allerdings immer wieder in der Diskussion. Zum einen, weil das Nettoeinkommen stark von Faktoren wie dem regionalen Mietspiegel abhängt, zum anderen, weil nicht sich nicht jede vierköpfige Familie mit diesem Monatseinkommen als arm bezeichnen dürfte. Ebenso, wie sich nicht jeder Student als arm empfindet.

Arbeitslosigkeit als Garant für Armut

Mit 59 Prozent sind Arbeitslose die größte Gruppe der von Armut bedrohten Menschen. Vor allem Bezieher von Hartz IV sind betroffen (84 Prozent). Damit sind die Erwerbslosen in Deutschland im EU-Vergleich überdurchschnitllich stark ökonomisch gefährdet.

Rund 107.000 Menschen mit Migrationshintergrund wurden 2015 in Deutschland eingebürgert. Laut dem Bericht haben sie oft schlechten Zugang zum Bildungssystem und sind in der Folge häufig von Armut betroffen. Laut Mikrozensus lag die Armutsgefährdungsquote bei den zugewanderten Menschen und ihren Nachkommen im Jahr 2015 bei 27,7 Prozent, während sie bei der restlichen Bevölkerung bei 12,5 Prozent lag.

Mit ähnlich schlechten Bedingungen müssen auch Flüchtlinge leben. 2016 lag die Zahl arbeitsloser Flüchtlinge bei 164.000 von insgesamt 425.000 arbeitssuchenden Flüchtlingen - weil viele Intergrationsmaßnahmen wie Sprachkurse absolvieren. Die Autoren gehen davon aus, dass diese Zahl im Jahr 2017 deutlich steigen wird, wenn die meisten nach den Intergrationskursen auf den Arbeitsmarkt drängen.

Wohnungslose

In Deutschland sind derzeit laut Bericht 335.000 Menschen wohnungslos. Als eine der wichtigsten Ursachen sehen die Autoren den Mangel an bezahlbaren Wohnungen und warnen: "Wenn sich die wohnungs- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen nicht nachhaltig ändern, wird es von 2015 bis 2018 einen weiteren Zuwachs um 200.000 auf dann 536.000 wohnungslose Menschen geben. Das wäre eine Steigerung um circa 60 Prozent."

Armut und Gesundheit

Zudem leben wohlhabende Menschen in Deutschland deutlich länger als arme, das ergab eine Studie des Robert Koch-Instituts. Demnach sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabende Männer. Bei Frauen betrage die Differenz etwa acht Jahre. Arme Männer hätten eine durchschnittliche Lebenserwartung von 70,1 Jahren, arme Frauen von 76,9 Jahren. Dagegen lebten wohlhabende Männer im Schnitt 80,9 Jahre, wohlhabende Frauen 85,3 Jahren.

Als Gründe werden ein riskanteres Gesundheitsverhalten durch schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen und Alkohol genannt. Das erkläre jedoch nur die Hälfte des Unterschieds. Sozial Schwache seien auch größerem psychischem Druck ausgesetzt, unter anderem durch schlechtere Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit.

Ähnlichen Problemen müssen sich auch Menschen mit körperlichen Behinderungen und psychische Kranke stellen. Sie seine häufig von Mobbing und Diskriminierung in bei Ausbildung und Beruf betroffen. Die Folge ist eine finanzielle Benachteiligigung bis an die Grenze zur Armut. 2015 waren 13,9 Prozent der Menschen mit körperlicher Behinderung arbeitslos. Psychische Krankheiten waren laut DAK-Bericht 2016 die drittgrößte Ursache für Krankschreibungen im Job. Sie bräuchten ein größeres Angebot psychosozialer Leistungen, um ihren Alltag zu bewältigen.

Herausgeber des Armutsberichts sind der Paritätische Gesamtverband, das Deutsche Kinderhilfswerk, der Volkssolidarität Bundesverband, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, der Deutsche Kinderschutzbund, der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, der Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, PRO ASYL und die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL).

(ham)
Mehr von RP ONLINE