António Guterres mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet

Auszeichnung in Aachen verliehen : Karlspreisträger Guterres wirbt für ein starkes Europa

UN-Generalsekretär António Guterres ist am Donnerstag mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. Er habe die Notwendigkeit eines starken und geeinten Europas “nie so deutlich gespürt wie heute“, sagte der Preisträger.

Einmal im Jahr, am Himmelfahrtstag, da vergewissert sich Europa seiner selbst, und der Aachener Rathaussaal ist seine Trutzburg. Dann erhebt sich unter dem prächtigen Gewölbe aus 800 Kehlen die aus dem 12. Jahrhundert stammende Karlshymne: „Urbs aquenis, urbs regalis“, es wird vorwiegend dunkler Zwirn getragen, und im Publikum wie auf der Bühne dominieren weiße Haare. Der Internationale Karlspreis zu Aachen wird verliehen. Und der (weit seltener: die) Ausgezeichnete ist verlässlich ein etablierter Name aus dem Politbetrieb. Man ist unter sich.

In diesem Jahr schien dieser beinahe klischeehafte Ritualcharakter der Veranstaltung offenbar auch den Verantwortlichen in unangenehmer Schärfe bewusst zu werden und veranlasste sie zu einigen verbalen Schlenkern. Jedenfalls konnte sich im Publikum, darunter sehr viele Stammgäste, niemand erinnern, in den würdig-steifen Festansprachen jemals zuvor schon einmal das Wort „Youtube“ vernommen zu haben. Diesmal aber spielte schon Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) bei seinen Begrüßungsworten auf den Youtuber Rezo an, der seiner Partei wenige Tage zuvor kräftig die Leviten gelesen hatte. Von einem „verblüffenden Effekt“ sprach Philipp und forderte konsequenteres Handeln gegen den Klimawandel. Er bleib damit nicht der Einzige.

Doch zunächst bedurfte auch die Wahl des diesjährigen Preisträgers einiger zusätzlicher Erläuterungen. UN-Generalsekretär António Guterres ist nun einmal nicht unbedingt der Erste, der einem als Laureat für eine Auszeichnung einfällt, die Anstrengungen für die Einheit Europas belohnen soll. Der Mann ist Europäer, gewiss. Aber die Bühne des 70-jährigen Portugiesen ist global, nicht europäisch. Doch sind EU und UN nicht irgendwie dasselbe? Große Organisationen, die das Gute in der Welt wünschen? Und so erhielt Guterres die Auszeichnung, weil er sich als UN-Chef seit 2017 rund um den Globus für Werte einsetzt, die im Ursprung ja irgendwie europäisch sind. Das Karlspreis-Direktorium ehrte ihn „in Würdigung seines herausragenden Einsatzes für eine Neubelebung und Festigung der multilateralen Zusammenarbeit auf der Grundlage der gemeinsamen Werte und Ziele der Europäischen Union und der Vereinten Nationen“. So steht es auf der der Urkunde, die beim Festakt überreicht wurde.

Das soll nicht heißen, dass der amtierende UN-Generalsekretär Lob und Anerkennung nicht verdient hätte. Ganz im Gegenteil. Der aus Lissabon stammende und ursprünglich zum Ingenieur ausgebildete Politiker ist ein glaubwürdiger Humanist, zugleich aber auch ein Realist, der die Ärmel aufkrempelt. Als Student verrichtete Guterres Sozialarbeit in den Armenvierteln Lissabons. In den 70er Jahren wurde er Abgeordneter der sozialdemokratischen PS, später deren Generalsekretär, dann portugiesischer Ministerpräsident (1995-2002) und 2005 dann UN-Flüchtlingskommissar. Guterres weiß, im Gegensatz zu vielen anderen Spitzenpolitikern, wovon er redet, wenn es um Migration und das Schicksal von Flüchtlingen geht. Und er fand dazu in Aachen auch sehr deutliche Worte. Wenn man in Europa Flüchtlinge zu Sündenböcken mache und Asylsuchenden die Türen vor der Nase zuschlage, sei dies eine „Schande“, sagte er.

Doch vor allem widmete sich Guterres, der praktisch zeitgleich mit US-Präsident Donald Trump ins Amt kam, dem fiebrigen, instabilen Zustand der Welt. Noch nie seien die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Institutionen derart unterwandert und auf die Probe gestellt worden, beklagte er. „Als UN-Generalsekretär habe ich die Notwendigkeit eines starken und geeinten Europas nie so deutlich gespürt wie heute“, rief der Portugiese ins Publikum: „Das ist meine wichtigste Botschaft an Sie!“

Einen Schulterschluss forderte Guterres auch beim Klimawandel. Höflich dankte er der Bundeskanzlerin für ihr Versprechen, Deutschland bis 2050 CO2-frei zu machen. Aber dann legte er für einen Augenblick sein Redemanuskript beiseite und blickte eindringlich in die Runde: „Warum bauen wir nicht endlich unser Steuersystem in Europa um? Warum besteuern wir statt des Arbeitslohns nicht lieber die Verschmutzung der Atmosphäre? Das wäre doch viel besser!“

Und auch in einem weiteren Punkt, fand der Preisträger, müsste Europa seine Sache sehr viel besser machen. Die EU dürfe die jungen Leute nicht enttäuschen: „Sie müssen das Gefühl haben, dass Europa auch für sie da ist.“ Vielleicht ein sachdienlicher Hinweis an diesem Karlspreis-Tag.

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