Antisemitische und rechtsextremistische Angriffe: „Gift - egal, woher es kommt“

Antisemitische und rechtsextremistische Angriffe : „Gift - egal, woher es kommt“

Antisemitische Straftaten sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen. All diese Fälle tragen zu einem Klima bei, in dem sich Juden in Deutschland selbst erklärt immer unsicherer führen.

Ende Juli wurde der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Yehuda Teichtal, bespuckt und beschimpft. Der Überfall ereignete sich, als Teichtal in Begleitung seiner Kinder auf dem Weg von einem Synagogenbesuch war. Der Fall machte Schlagzeilen und führte vielen die Dimension von Judenhass in Deutschland vor Augen. Erst in dieser Woche, bei einer Konferenz des Bundesjustizministeriums zu Rechtsextremismus, schilderte Teichtal, welche Bedeutung die Tat für ihn hatte. Er habe auch vorher Antisemitismus erlebt, sagte er. Das Bespucken sei für ihn aber eine „neue Qualität“ gewesen. Antisemitismus bezeichnete er als „Gift - egal, woher es kommt“.

Antisemitische Angriffe finden sich in den Polizeiberichten deutscher Polizeien immer häufiger. Im August wurde eine Rabbiner-Familie in München ähnlich wie Teichtal angegriffen, beschimpft und bespuckt. Im September rief ein im Kreis fahrender Radfahrer judenfeindliche Beschimpfungen vor der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin. Schändungen jüdischer Friedhöfe finden immer wieder statt.

All diese Fälle tragen zu einem Klima bei, in dem sich Juden in Deutschland selbst erklärt immer unsicherer führen. Antisemitismus sei salonfähiger geworden, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, Anfang des Jahres in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Ich glaube nicht, dass Juden bereits auf gepackten Koffern sitzen, aber einige schauen durchaus nach, wo die Koffer sind“, sagte Klein.

Antisemitische Straftaten waren in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Judenhass arabischer Zuwanderer kam dazu. Manche machen ihn sogar hauptverantwortlich für die Zunahme von Antisemitismus. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Von 1.799 registrierten antisemitischen Taten waren 2018 laut Bundeskriminalamt 1.603 rechtsextrem motiviert. Von 69 Gewalttaten gegen Juden gingen 49 von Rechtsextremisten aus.

Die Statistik steht auch in der Kritik. Experten wie Klein fürchten, dass Fälle zu schnell dem Bereich „rechts“ zugeordnet werden. Allerdings sagte er im Januar auch: „Bei den tatsächlich aufgeklärten Straftaten ist die große Mehrheit tatsächlich dem rechten Umfeld zuzuordnen.“

Auch an anderen Orten der Welt wurden in diesem Jahr Juden Opfer mutmaßlich rechtsextremistischer Täter. Großes Entsetzen rief der Anschlag auf eine Synagoge im US-amerikanischen Pittsburgh am 27. Oktober 2018 hervor. Bei dem antisemitisch motivierten Anschlag wurden acht Männer und drei Frauen erschossen. Vier weitere Menschen wurden bei dem Attentat während der Zeremonie zur Namensgebung eines Babys verletzt.

Im kalifornischen Poway wurde am 27. April dieses Jahres bei einem Anschlag eine Frau getötet. Die antisemitische Anschlag von Halle indes wird inzwischen verglichen mit der Bluttat im neuseeländischen Christchurch, bei der im vergangenen März ein Attentäter 50 Menschen beim Angriff auf zwei Moscheen tötete und die Tat selbst filmte.

(zim/epd)
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