Antibiotika nehmen in Deutschland zu viele Menschen

Union will gegensteuern : Deutsche nehmen zu viel Antibiotika

Pro Jahr schlucken die Bürger rund 450 Tonnen Antibiotika – NRW ist Spitzenreiter. Der übermäßige Konsum befördert die Entstehung multiresistenter Keime. Die Union will deshalb gegensteuern.

Pro Jahr schlucken die Bürger rund 450 Tonnen Antibiotika — NRW ist Spitzenreiter. Der übermäßige Konsum befördert die Entstehung multiresistenter Keime. Die Union will deshalb gegensteuern.

Die Union hat dem übermäßigen Konsum von Antibiotika den Kampf angesagt. "Der Einsatz von Antibiotika muss dringend auf den Prüfstand. Wir müssen den übermäßigen und falschen Verbrauch eindämmen", sagte Fraktionsvize Gitta Connemann (CDU) unserer Redaktion. Bundeskanzlerin Angela Merkel will den weltweiten Vormarsch der Keime, die sich kaum noch durch Antibiotika abtöten lassen, auch beim Gipfel der sieben wichtigsten Industriestaaten im Juni in Deutschland thematisieren. Dafür lässt sie ein wissenschaftliches Strategie-Papier ausarbeiten.

Der hohe Antibiotika-Konsum bei Mensch und Tier wird für die Entstehung und Ausbreitung multiresistenter Keime verantwortlich gemacht, gegen die am Ende kein Antibiotikum mehr wirkt. In Deutschland gilt der Antibiotika-Verbrauch seit Jahren als zu hoch. Dies trifft auch für viele andere europäische Länder zu.

449 Tonnen Antibiotika im Jahr 2013

Wie aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine schriftliche Frage der Unionsfraktion hervorgeht, schluckten die Bürger im Jahr 2013 insgesamt 449 Tonnen Antibiotika — in den Verbrauch sind antibiotische Salben und Tropfen nicht eingerechnet. Nach einem vom Paul-Ehrlich-Institut veröffentlichten Bericht liegt der Gesamtverbrauch in Praxen und Kliniken sogar bei 700 bis 800 Tonnen pro Jahr. In der Tiermedizin sind die Zahlen noch höher: Dort werden jährlich rund 1700 Tonnen Antibiotika eingesetzt.

Nordrhein-Westfalen liegt bundesweit beim Antibiotika-Konsum pro Kopf an der Spitze; im Osten wird deutlich weniger verschrieben. Am häufigsten erhalten Kinder Antibiotika. Bei den Erwachsenen zwischen 20 und 90 Jahren hat das Alter keinen großen Einfluss auf die Menge der eingenommenen Antibiotika.

Eine vor Jahren eingeführte Antibiotika-Resistenzstrategie für die Humanmedizin, die den Verbrauch eigentlich eindämmen sollte, verfängt nicht. Connemann fordert, Antibiotika sollten nach Maßgaben der Weltgesundheitsorganisation "nur noch im Ernstfall und passgenau eingesetzt werden". Dafür müsse jeder Arzt erkennen können, "was wann warum dem Patienten verschrieben worden ist". Dies ist in Deutschland zurzeit nicht der Fall.

Vielmehr können sich Patienten von verschiedenen Ärzten Antibiotika verschreiben lassen. Wenn die elektronische Gesundheitskarte eines Tages voll einsatzfähig ist, könnte dieser Missstand abgestellt werden, indem Verschreibungen gespeichert werden. Dem müssen die Versicherten allerdings zustimmen.

Auch das Robert-Koch-Institut ist alarmiert

Die meisten Patienten holen sich ein Rezept für ein Antibiotikum beim Arzt ihres Vertrauens: Hausärzte und hausärztlich tätige Internisten stellen zwei Drittel der Antibiotika-Rezepte aus, die insgesamt im ambulanten Bereich vergeben werden. Etwa 86 Prozent der Antibiotika werden in Arztpraxen verschrieben, nur 14 Prozent kommen in Krankenhäusern zum Einsatz.

Auch das Robert-Koch-Institut ist wegen des hohen Antibiotika-Konsums in Deutschland alarmiert. "Es wird offenkundig zu viel und auch zu schnell verschrieben", sagte eine Sprecherin. Wenn ein Patient zum Arzt gehe und darüber klage, seit Wochen an Husten zu leiden, solle nicht ein Breitbandantibiotikum verschrieben werden, sondern es müsse erst einmal ein Test erfolgen, ob es sich überhaupt um eine bakterielle Erkrankung handele.

Hier geht es zur Infostrecke: Antibiotika: Die Wichtigsten im Überblick

(qua)
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