Anschlag in Berlin 2016: Sicherheitsbehörden tappen im Dunkeln

Nach dem Anschlag in Berlin : Die Sicherheitsbehörden tappen im Dunkeln

Der Anschlag von Berlin gibt den Ermittlern Rätsel auf. Der als mutmaßlicher Täter von Berlin Festgenommene ist wieder auf freiem Fuß. Es gibt keine neue heiße Spur.

Noch ist unklar, wer am Montagabend zwölf Menschen getötet und 49 verletzt hat. Der Täter läuft noch frei herum. Die Schusswaffe, mit der er mutmaßlich den polnischen Fahrer des Tat-Lkw tötete, bleibt ebenfalls verschwunden. Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt, Berliner Polizei und Berliner Generalstaatsanwaltschaft, die Dienstag ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse präsentierten, wirkten an vielen Punkten ratlos.

Es blieben vor allem offene Fragen. So hatte die Berliner Polizei kurz nach 22 Uhr am Montagabend getwittert: "Derzeit gibt es keine Hinweise auf weitere gefährdende Situationen in der City Nähe Breitscheidplatz." Für diese Entwarnung war es aber, wie sich am Dienstag herausstellte, zu früh. Die Polizei hatte eine knappe Stunde nach dem Anschlag einen Mann pakistanischer Herkunft an der Siegessäule festgenommen. Der vermeintliche Fahndungserfolg war einem Bürger zu verdanken, der den Mann verfolgt hatte.

Terror in Berlin: Das ist die Todesstrecke des Lkw

Am Dienstag nun räumte die Polizei ein, dass es keine lückenlose Verfolgung vom Tatort zur Siegessäule gab und dass der verdächtige Pakistaner möglicherweise doch nicht der Täter ist. Der 23-Jährige, der nun wieder auf freiem Fuß ist, hatte die Tat bestritten. Belastendes Material gegen ihn konnten die Sicherheitsbehörden nicht finden.

Noch am Morgen hatte die Berliner Polizei die größte Flüchtlingsunterkunft der Stadt auf dem Gelände des alten Flughafens Tempelhof durchsucht. Etwa 1000 Menschen sind dort untergebracht; es ist schon häufig zu Schlägereien gekommen. Dort steht auch das Bett des Pakistaners. Da die Ermittler von einem islamistischen Terroranschlag ausgehen, fahndeten sie nach Beweismitteln, die eine Radikalisierung des Verdächtigen und Anschlagspläne belegen. Gefunden wurde aber nur ein Mobiltelefon, dessen Auswertung am Dienstag noch andauerte.

Was mit dem ersten Opfer des Abends, dem 37-jährigen polnischen Lkw-Fahrer geschehen ist, blieb ebenfalls im Dunkeln. Die Ermittler erklärten, dass er mutmaßlich erschossen worden sei. Ob das Opfer auch Stichwunden aufwies, wollten die Sicherheitsbehörden aus "ermittlungstaktischen Gründen" nicht sagen.

Doch nach Angaben des polnischen Speditionsbesitzers Ariel Zurawski hatte sich sein Fahrer wahrscheinlich gegen seinen mutmaßlichen Entführer und Mörder gewehrt. "Es war mit Sicherheit zu sehen, dass er gekämpft hatte", beschrieb Zurawski ein Polizeifoto, auf dem er seinen Cousin identifiziert hatte. Das Bild zeigte nach Angaben des Spediteurs aus der Nähe von Stettin das Gesicht des Opfers, blutig und geschwollen.

Die Spedition hatte seit dem Nachmittag den Kontakt zu ihrem Fahrer verloren. Sie wusste nur, dass der Lkw in Berlin angekommen war und dass sich die Entladung wohl verzögern werde. Wann der Pole genau gestorben ist, blieb am Dienstag ebenfalls offen.

Die Obduktion war noch nicht abgeschlossen. Klar ist nur — wie die Auswertung der Satelliten-Ortungsdaten ergab — dass jemand den Motor des Lkw am Nachmittag mehrfach startete, als übe er das Fahren. Um 19.34 Uhr setzte sich der 40-Tonner dann in Gang.

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Hier geht es zur Bilderstrecke: Berlin trauert um die Opfer des Anschlags

(qua)
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