Annegret Kramp-Karrenbauer: "Der Streit lässt nur Verlierer zurück"

Interview mit Annegret Kramp-Karrenbauer : „Der Streit lässt nur Verlierer zurück“

Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer spricht im Interview über den Flüchtlingsstreit ihrer Partei mit der CSU, über den Fall Mesut Özil und über den „Herzens-Deutschen“.

Wir treffen Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrem Büro in der fünften Etage im Konrad-Adenauer-Haus. Ihren Schritt von Saarbrücken nach Berlin bereut sie nicht. Es hätte aber ruhiger anlaufen dürfen - die Krise mit der CSU  habe Verletzungen hinterlassen.

Frau Kramp-Karrenbauer, ganz schön heiß heute. Bereuen Sie, dass die große Koalition als Erstes das Klimaziel 2020 aufgegeben beziehungsweise verschoben hat, also die Treibhausgas-Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu mindern, um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten?

Kramp-Karrenbauer Das Ziel war nicht mehr realistisch. Aber wir haben es nicht aufgegeben, sondern gesagt, dass wir die Lücke zum 2020-Ziel so schnell wie möglich schließen wollen. Für mich ist wichtig, dass Ökonomie und Ökologie nicht gegeneinander ausgespielt werden.  

Science fiction: Wir sind im Jahr 2085 und Ihre Urenkel schimpfen auf ihre Uroma, weil sie 2018 als CDU-Generalsekretärin genauso geantwortet hat, wie Sie es eben taten - dass es wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Zwänge gibt. 

Kramp-Karrenbauer Ich bin mir ganz sicher, dass es auch 2085  um Arbeitsplätze und Wohlstand im eigenen Land gehen wird und dass das weiter wichtige Parameter für Entscheidungen sein werden - genauso wie die Themen Generationengerechtigkeit und Verantwortung für die Schöpfung.

Der Befund ist aber trotzdem dramatisch, die Erde erwärmt sich, Menschen fliehen aus Afrika, weil sie Hunger leiden, wir produzieren Lebensmittel im Übermaß und werfen viel weg und machen afrikanischen Staaten mit EU-subventionierten Produkten Konkurrenz. Was ist das: Egoismus, Ignoranz, Unkenntnis? 

Kramp-Karrenbauer Wir sind groß geworden mit der sozialen Marktwirtschaft und wissen, dass es national wie international einen fairen Wettbewerb braucht. Eine der großen Herausforderungen für die Zukunft ist, wie und welche Regeln stellen wir in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung dafür auf.

Weniger ist mehr vielleicht? Weniger Tiere, höhere Preise für Fleisch?

Kramp-Karrenbauer Am Ende des Tages ist der entscheidende Faktor der Verbraucher. Es ist eben naiv zu glauben, dass Fleisch für wenig Geld von einem mit der Hand aufgezogenen Tier stammt. Deshalb geht es nicht allein um Auflagen, sondern vor allem um Bewusstseinsbildung.  

So schlecht wäre aber ein Veggie Day pro Woche gar nicht, auch wenn die Grünen für einen entsprechenden Vorschlag einmal so gescholten wurden… 

Kramp-Karrenbauer Der erhobene Zeigefinger der Grünen löst einen gegenteiligen Effekt aus. Ich bin in den 1960er Jahren aufgewachsen, da gab es einmal in der Woche Fleisch. Was wir heute massiv ernährungswissenschaftlich unterlegen, hatte damals einen natürlichen Rhythmus. Man nahm, was da ist. Heute hat man Erdbeeren zu Weihnachten. Wir sollten den natürlichen Rhythmus zurückgewinnen.  

Der Bauernverband fordert angesichts der Dürreschäden eine Milliarde Euro Hilfsgelder. Ist Verbandspräsident Joachim Rukwied ein maßloser Lobbyist oder der Robin Hood der Landwirte?

Kramp-Karrenbauer Ich stimme der Landwirtschaftsministerin zu, die gesagt hat, über Ernteausfälle kann man erst entscheiden, wenn die Ernte eingefahren ist. Wir wollen helfen, aber gezielt. 

Sie sind ja Fußballfan, wie sehen Sie die Debatte um die Integration von Migranten am Beispiel von Mesut Özil. Er sagt: „Ich bin ein Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ Nicht einmal ein Weltmeister ist restlos akzeptiert. Ist es so bitter oder stimmt das nicht? 

Kramp-Karrenbauer Im Saarland sind die zwei größten Zuwanderergruppen die der Italiener und der Türken. Beide haben in den 1960er Jahren unglaublich viel zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen.  Und trotzdem haben sie wenig Anerkennung für ihre Lebensleistung bekommen. Ich kann verstehen, dass das kränkt. Wir müssen Integration sehr viel stärker daran messen, wer sich wie für unsere Gesellschaft einbringt. Und ob jemand sozusagen ein „Herzens-Deutscher“ geworden ist.

Und Özil? 

Kramp-Karrenbauer Eigentlich ist alles dazu gesagt. Fakt ist, dass er wie die anderen Nationalspieler bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr die Leistung nicht gezeigt hat. Und er hat die Kontroverse mit seinem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan selbst ausgelöst. Özil hat eine öffentliche Rolle, ob er das will oder nicht. Seine Reaktion fand ich etwas larmoyant.

Im Herbst soll Herr Erdogan nach Deutschland kommen. Was erwarten Sie von dem Besuch?

Kramp-Karrenbauer Man muss den Besuch für einen offenen und kritischen Austausch nutzen. Wir müssen darauf achten, dass der türkische Staatspräsident den Besuch nicht dafür nutzt, die Loyalitätskonflikte weiter zu schüren, in die er hier lebende Türken, Deutsch-Türken oder Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund  durch seine Politik bringt.

Kann Erdogan die Muslime in Deutschland spalten?

Kramp-Karrenbauer Ich vertraue darauf, dass diejenigen, die hier schon lange und gerne leben, sich auch weiterhin zu ihrer Heimat in Deutschland bekennen.

Wie wichtig ist es, dass sich das deutsch-türkische Verhältnis wieder normalisiert – nur jetzt mit einem Autokraten als Präsidenten? 

Kramp-Karrenbauer Wir haben es mit vielen schwierigen Regimen zu tun. Wir müssen Probleme bei Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit immer transparent ansprechen, auch in diesem Fall.

Werden Sie noch mal die Probleme mit der CSU ansprechen oder ist die Krise vom Sommer überwunden? 

Kramp-Karrenbauer Das hat uns allen miteinander geschadet. Das sieht man an den Umfragen für die CSU, aber auch für die CDU. Der Konflikt hat Verletzungen hinterlassen und Friktionen. Darüber müssen wir auch noch einmal sprechen, und das müssen wir in den beiden Parteien auch noch einmal aufarbeiten.  Die Art und Weise, wie wir gestritten haben, lässt am Ende nur Verlierer zurück. In einer Parteienfamilie, die sich selbst als bürgerlich bezeichnet, schlägt das viel negativer auf als bei anderen Parteien.

Manche werden sagen „Merkel weg, Seehofer weg, Streit weg“. 

Kramp-Karrenbauer Das ist nicht die breite Stimmung in der Partei.

Bereuen Sie Ihren Schritt von Saarbrücken nach Berlin? 

Kramp-Karrenbauer Ich bereue es nicht. Es ist eine sehr fordernde und sehr spannende Aufgabe. Ich habe in diesem halben Jahr sehr viel gelernt über Deutschland und die CDU. Ich habe gemerkt,  wie westdeutsch ich geprägt bin, wie europäisch.  Ich habe die Vielfalt und auch die Schönheit unseres Landes kennengelernt und bin überzeugt: Wir können im Osten wie im Westen noch viel voneinander lernen.

Mit Annegret Kramp-Karrenbauer sprach Kristina Dunz.

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