Angela Merkel regiert länger als alle SPD-Kanzler

Donnerstag ist sie 3062 Tage im Amt : Angela Merkel regiert länger als alle SPD-Kanzler

Am Donnerstag wird Angela Merkel 3062 Tage im Amt sein. Dann hat sie auch Helmut Schmidt überholt. Dass sie überhaupt Kanzlerin werden konnte, verdankt sie im Grunde ihrem Vorgänger. In Deutschland hingegen ist Merkel trotz ihres manchmal schlingernden Kurses zur Politik-Ikone geworden.

Eine der vielen Anekdoten über die Kanzlerin, die man sich im Regierungsviertel erzählt, geht so: In vertrauter Runde im Kanzleramt lachte man über Angela Merkels Vorgänger und machte sich lustig, dass sich Gerhard Schröder stets kernig gebärdete. Merkel sei dazwischengegangen und habe den Ex-Kanzler in Schutz genommen. Sie habe die Spötter ermahnt, ob sie nicht wüssten, was für eine große Leistung es sei, sieben Jahre in dem Amt durchzuhalten. An jedem Tag einer Kanzlerschaft drohe das Aus, und daher sei "jeder überstandene Tag eine Leistung".

Merkel selbst hat in dieser Leistung Gerhard Schröder schon lange überholt. An diesem Donnerstag wird sie auch länger im Amt sein als Helmut Schmidt und damit länger als bisher alle SPD-Kanzler. In der Union raunen sie schon seit einer Weile, dass Merkel in die Kategorie von Konrad Adenauer und Helmut Kohl vorgedrungen sei. Nur diese beiden haben länger regiert als Merkel: Adenauer 14 Jahre, Kohl 16 Jahre. Das heißt: Angesichts der achteinhalb Jahre oder 3060 Tage, die Merkel heute im Amt ist, bleibt noch Luft nach oben.

Merkel verdankt Kanzlerschaft ihrem Vorgänger

Dass sie überhaupt Kanzlerin werden konnte, verdankt sie im Grunde ihrem Vorgänger. Schröder und seinem legendären Auftritt in der TV-Elefanten-Runde am Wahlabend 2005. Die Herren in der Union schlichen bereits nach einem schwachen Wahlkampf und einem enttäuschenden Wahlergebnis mit dem Dolch im Gewande umher. Und dann putzte ein testosterontriefender Schröder die CDU-Chefin, die ihr Karriere-Aus eigentlich vor Augen hatte, derart herunter, dass die Unionsspitzen gezwungen waren, sich umgehend hinter sie zu stellen. Merkel reagierte blitzschnell und ließ sich zur Fraktionschefin wählen. Damit war die scheinbar Geschlagene als erste handlungsfähig und konnte die Sozialdemokraten in die große Koalition unter ihrer Führung lotsen.

CSU-Chef Horst Seehofer sagte einmal über Merkel, wer sie unterschätze, habe schon verloren. Nach drei Regierungsbildungen, achteinhalb Jahren Kanzlerschaft, einer Existenzkrise des Euro und inmitten der Krim-Krise unterschätzt Merkel niemand mehr. Sie gilt als die mächtigste Frau der Welt. Sie gilt auch als "Physikerin der Macht", die nicht mit der Faust auf den Tisch haut und "Basta" ruft, sondern die Kräfte fein ausbalanciert. Teil dieser Taktik ist es auch, politische Positionen zu räumen, wenn dies opportun ist: So wurden unter Merkel der Atomausstieg und die Abkehr von der Wehrpflicht beschlossen. In dieser Wahlperiode steht die Einführung einer doppelten Staatsbürgerschaft an. Noch vor zehn Jahren wären diese Entscheidungen für die Union undenkbar gewesen.

Merkel profitierte von Reformen

Innenpolitisch hat sie das Glück, von den Reformen zu profitieren, die ihr Vorgänger unter Einsatz seiner eigenen Partei durchgekämpft hatte. Außenpolitisch allerdings musste sie die Folgen der aufgeweichten Euro-Kriterien ausbaden. Ihre konsequente Haltung in der Euro-Krise trug ihr bei Griechen, Spaniern und Portugiesen Hass und Hohn ein. Immer wieder wurde die als kalt empfundene Deutsche mit Hitler-Bärtchen und Hakenkreuzbinde dargestellt.

In Deutschland hingegen ist Merkel trotz ihres manchmal schlingernden Kurses zur Politik-Ikone geworden. Ihre Union steht stabil bei 40 Prozent. Die Deutschen schätzen Merkel wegen ihrer Bodenständigkeit. Bei einer Frau, die ihre Freizeit beim Gärtnern in der Uckermark verbringt, geht man davon aus, dass sie Politik uneigennützig macht. Niemals müssten die Deutschen damit rechnen, dass sich Merkel von Wirtschaftsbossen zur Erholung in ihre Luxus-Urlaubsdomizile einladen ließe. Selbst der Beiname "Mutti", den ihr jene Männer in der Union angehängt haben, die mit ihrer pragmatischen Art der Autoritätsausübung nicht klarkamen, schadet ihr in der Öffentlichkeit nicht. Im Gegenteil: Mittlerweile unterstreicht er das Image der selbstlosen Kümmerin. Dass sie viel Humor besitzt, lässt sie normalerweise nur in kleinem Kreis durchblicken. In der Öffentlichkeit ist es inzwischen dennoch bekannt.

Insbesondere in der Euro-Krise ist der Kanzlerin wiederholt vorgeworfen worden, sie könne ihre Politik nicht hinreichend erklären. Sowenig es ihr gelingt, in kurzen Sätzen einfache Botschaften zu transportieren, so sehr kann sie detailliert und fachkundig über alle wichtigen politischen Themen sprechen. Fachpolitiker und Lobbyisten bewundern und fürchten ihre Gabe, auch Kompliziertes schnell zu durchschauen.

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(may-, das)
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