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Alexander Dobrindt im Porträt - CSU-Landesgruppe im Bundestag

CSU-Landesgruppen-Chef im Porträt : Alexander Dobrindt - ein Schüler Seehofers

Wer die CSU-Landesgruppe im Bundestag führt, steht zwar nicht mit einem Bein im Gefängnis - aber in München. Seitdem Markus Söder bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef ist und nicht mehr Horst Seehofer, hat es Alexander Dobrindt schwer.

Das riesengroße Foto hinter dem Schreibtisch wirkt wie ein Lebensmotto von Alexander Dobrindt: eine gigantische Löwenpranke in Gold, scharfe Krallen, fast auf Augenhöhe. Ein Hieb, eine Verletzung. Eine Paradedisziplin des 48-Jährigen.

Dobrindt ist jener CSU-Mann, der Klagen von Anwälten gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber im vorigen Jahr als Sabotage des Rechtsstaats wertete und von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ sprach. Damit heizte er den Asylstreit der Union an und erntete Zuspruch von der AfD. Sprachwissenschaftler erklärten die Wortschöpfung zum Unwort des Jahres 2018. Ist ihm aber wurscht.

In der Auswahl war auch der „Asyltourismus“ des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU). Der hatte sich allerdings dafür entschuldigt, weil Flüchtlinge ja nicht wie Touristen per Kreuzfahrtschiff übers Meer schippern, sondern in Schlauchbooten ihr Leben riskieren. Söder kann das - sich wandeln, wenn es sein muss auch vom Pflanzengiftverteidiger zum Bienenretter. Kehrtwenden beherrscht er so gut wie Horst Seehofer, den er nach erbittertem Machtkampf als Regierungschef und CSU-Chef beerbt hat.

Dobrindt hat Seehofer immer treu verteidigt. Als Generalsekretär, als Minister, zuletzt als CSU-Landesgruppenchef. Als Verkehrsminister hatte er unbeirrt für die umstrittene Pkw-Maut gekämpft - und Zukunftsthemen wie den Breitbandausbau verschlafen, sagen die Grünen. Die Ökopartei hat Dobrindt aber sowieso gefressen. Den langhaarigen Bundestagsfraktionschef Toni Hofreiter nennt er einen rhetorischen Neandertaler, wobei es ihm spürbar auf den Neandertaler ankommt.

Dobrindt gehörte zu dem Kreis, der Söder als Seehofers Nachfolger verhindern wollte. Nun ist der 69-jährige Seehofer zwar noch Bundesinnenminister, parteipolitisch ist er aber auf dem Abstellgleis. Und damit ist die Dobrindts Jobgarantie weg. Aus München verlautet, CSU-Chef Söder präge die Politik der Partei, auch die operative Regierungspolitik in Berlin, und erwarte, dass sich auch die CSU-Landesgruppe im Bundestag und deren Chef in Berlin darauf einließen.

Derzeit verhält sich Dobrindt recht ruhig. Warum? Er ist doch ein Antreiber, ein Scharfmacher. Dobrindt gibt heute zu verstehen, dass er die Koalition zusammenhalten wolle. Ein Beispiel: Außenminister Heiko Maas (SPD) habe im vorigen Jahr bei der Kommunikation über den umstrittenen UN-Migrationspakt, durch den viele Bürger zusätzliche Flüchtlinge nach Deutschland kommen sahen, total versagt. „Es hätte nur einer Kleinigkeit bedurft, um die Sache weiter eskalieren zu lassen.“ Er habe aber mit einem eigenen Fraktionsantrag im Bundestag dazu beigetragen, dass der Pakt positiv bewertet, die Groko befriedet und der AfD die Kommunikationshoheit entzogen worden sei, sagt Dobrindt. Außerdem: „Ich habe den Frieden mit der CDU mit meiner Einladung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur CSU-Landesgruppenklausur nach Kloster Seeon zu Beginn dieses Jahres eingeleitet.“ Dobrindt als Friedenstaube, eine ungewohnte Vorstellung.

Er warnt jetzt sogar davor, mit der im Koalitionsvertrag verankerten Zwischenbilanz zu drohen, was Kramp-Karrenbauer und SPD-Chefin Andrea Nahles derzeit machen. Die Union sollte nach Dobrindts Geschmack die Hürden für die Koalition nicht so hoch schrauben, dass man sie eigentlich nur noch krachen lassen kann: „Es ist nicht klug, mit der Revisionsklausel im Koalitionsvertrag zu spielen.“

Vor gut einem Jahr war er mehr auf Krawall gebürstet. In das Landtagswahljahr 2018 startete er mit einem Aufruf zu einer „konservativen Revolution“, als gäbe es keine unheilvolle Erinnerung an die gleichnamige antidemokratische Bewegung, die mit zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen hatte.

Dobrindt war es, der dann das Zerwürfnis mit der CDU über die Abwehr von Flüchtlingen einleitete. Er kündigte Anfang Juni vorigen Jahres Seehofers sogenannten Masterplan an und sprach schon über Zurückweisungen von Flüchtlingen an der bayerisch-österreichischen Grenze, als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch keine Ahnung hatte, dass die CSU in dieser Frage die Machtprobe suchen wird.Dobrindt pflegte die rechte Flanke der Union, die durch Merkels Flüchtlingspolitik offen stand, und versuchte, mit markigen Ansagen AfD-Wähler zurückzuerobern.

SPD-Chefin Nahles nennt ihn auch mal „Doofbrindt“, in Wahrheit schätzt sie ihn aber - und umgekehrt. Dobrindt ist vieles, aber nicht doof. Er gilt vielmehr als hoch intelligent, was hinter seinem öffentlichen Poltern allerdings kaum vermutet wird. Er gewährt ohnehin Menschen von außen keinen Einblick in seine Seele oder sein Privatleben. Man weiß nicht, was er gerade wirklich denkt oder gar fühlt.

Ein Interview mit der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka ist Anschauungsunterricht für seine Beherrschung. Slomka provozierte ihn gekonnt, ob er mit seiner „konservativen Revolution“ den Umsturz plane, das sei nun mal das Wesen einer Revolution. Er antwortete äußerlich regungslos, dass die CSU der bürgerlich-konservativen Mehrheit im Land eine Stimme gebe. Höflich, lächelnd. Geärgert hat er sich maßlos.

Sein Hobby ist das Sportschießen im heimatlichen Peißenberg, wo seine Familie lebt. Beim Schießen muss man Körper und Geist perfekt aufeinander abstimmen, um ins Schwarze zu treffen. Dobrindt gefällt das. Die Kontrolle, das Ziel.

Mag sein, dass er ein Rechter ist – aber innerhalb der CSU. Die AfD hält er für irre und gefährlich. Und es treibt ihn um, dass die CSU für etliche Menschen keine politische Heimat mehr ist, die sich abgehängt fühlen. Sein Kalkül war lange: Die AfD zu noch schärferen Sprüchen zu treiben und damit ins Abseits zu drängen. Ein schmaler Grat. Dobrindt ist Bergsteiger und weiß wie es ist, in den Abgrund zu blicken. Die Zugspitze liegt in seinem Wahlkreis Weilheim. Das zweite große Bild in seinem Büro zeigt den Gipfel, dem Himmel ganz nah. Jeder Fehltritt wird bestraft.

Die CSU vergeigte 2018 die Landtagswahl, was viele mehr Seehofer und Dobrindt anlasten als Söder und Generalsekretär Markus Blume. Geht es um Dobrindts politische Zukunft werden CSU-Granden einsilbig. Die künftige Aufstellung der Partei hängt davon ab, ob der für seine milderen Töne bekannte CSU-Vize Manfred Weber EU-Kommissionspräsident und damit sein Einfluss in der Partei noch größer wird. Und davon, wie die von Söder angestoßene Debatte für eine Parteireform verläuft, die die CSU offener, jünger und weiblicher machen soll. Neue Söder-Weber-Achse oder alter Seehofer-Dobrindt-Kurs? Oder etwas dazwischen?

Dobrindts Kapital ist sein scharfer, analytischer Verstand. Und er ist ein Schüler Seehofers, der Meister der leeren Versprechungen. Merkel hatte er einst versichert, die CSU werde „ein schnurrendes Kätzchen sein und kein brüllender Löwe“. Später bekämpfte er sie mit aller Härte. Dobrindt sagt jetzt: „Markus Söder und ich haben ein gutes Verhältnis.“ In seinem Büro hängt die Löwenpranke. Vielleicht lässt er sie mal als Samtpfötchen durchgehen. Vorübergehend.