AfD-Parteitag in Braunschweig: Die Partei hat Wachstumsschmerzen

Impressionen vom Parteitag in Braunschweig : Wachstumsschmerzen bei der AfD

Die AfD will regieren und erwachsen werden. Doch das ist ganz schön kompliziert. Beobachtungen vom Parteitag in Braunschweig.

Wie sehr Alexander Gauland dem gewöhnlichen Geschehen entrückt ist, war bislang allenfalls zu erahnen. Gauland, 78, tritt am Samstagmorgen ans Rednerpult. Er hat einen Frosch im Hals, aber er muss nicht lange reden. Seine Aufgabe ist es bloß, die knapp 600 Delegierten zu begrüßen. Gauland sagt: „Ich eröffne den sechsten Bundesparteitag der Alternative für Deutschland.“ Dass es eigentlich der zehnte Parteitag ist, wie es auf dem Schild vor seinem Bauch steht, stört ihn und alle anderen nicht.

Alexander Gauland schwebt nun ganz offiziell über den Dingen. Der zehnte Parteitag wählt ihn, die Integrationsfigur der AfD, wie Alice Weidel sagt, zum Ehrenvorsitzenden. Gauland, der zu den Gründern der Partei gehört, übergibt seinen „gärigen Haufen“ in die Hände seines Wunschnachfolgers, dem Maler- und Lackierermeister Tino Chrupalla, 44, aus der Lausitz. Mit dem wiedergewählten Parteivorsitzenden Jörg Meuthen erklärt Chrupalla später, die AfD müsse nun erwachsen werden.

Erwachsenwerden, das weiß jeder Erwachsene, ist nicht ganz simpel. Auch 78-Jährige verhalten sich mitunter unreif. Aber wie dieser Prozess bei einer politischen Partei abläuft, bei der AfD allzumal, ist unerforscht. Übervater Alexander Gauland hat seine Partei ausziehen lassen. Er will, das verspricht er, nicht mäkeln, wenn sie sich nun verändert. Und die Partei reagiert, wie man das so macht, wenn man sich für reif genug hält, um auf eigenen Beinen zu stehen. Sie will zeigen, dass sie das schafft.

Die AfD tut dies in einer Festung. Die Volkswagen-Halle, deren Namen der VW-Konzern für den AfD-Parteitag abkleben ließ, ist von einem schwarzen Zaun umrandet. Polizisten sperren alle Zufahrtswege ab, in die Nähe der Halle gelangt nur, wer einen berechtigten Grund nachweisen kann. Mehr als 2000 Polizisten sind im Einsatz, um Gegendemonstranten und AfD-Politiker voneinander zu trennen. Wasserwerfer stehen bereit, kommen aber nicht zum Einsatz.

Die Welt außerhalb und innerhalb der Halle könnte unterschiedlicher kaum sein. Außerhalb warnen am Samstag gut 20.000 Menschen vor Rassismus und Nationalismus. Innerhalb warnen gut 600 Delegierte vor einem „ungebildeten linksradikalen Mob“, der sich vor der Halle befinde. Die Polizei Braunschweig berichtet, dass die Proteste weitgehend friedlich verliefen. Die Stadt zählt am ersten Adventswochenende dennoch nicht zu den besinnlichsten im Land.

Die AfD will nicht nur erwachsen werden, sie will regieren. Das hat der Bundesvorstand noch nie so deutlich formuliert wie auf dem Parteitag in Braunschweig. Jörg Meuthen sagt das, Tino Chrupalla auch. Der Ehrenvorsitzende Gauland sagt: „Die AfD ist die letzte Kraft, die Deutschland retten kann.“ Wer regieren will, muss seriös erscheinen, professionell. Die AfD reißt sich zusammen.

Vor zwei Jahren, auf dem Parteitag in Hannover, gaben Delegierte statt Stimmkarten ihre Hotelkarte ab. Die AfD wurde zum Gespött. In Braunschweig arbeiten die Delegierten weitgehend unfallfrei. Dazu nutzen sie bei Wahlen und Abstimmungen ein elektronisches Gerät. Für XY drücken Sie bitte die Eins, für YZ bitte die Zwei, und so weiter. Es ist ein bisschen wie in der Warteschlange eines Telekommunikationskonzerns.

Der Parteitag ist ein Wahlparteitag, kein programmatischer. Es geht also weitgehend um technische Fragen, etwa wie der Beitrag eingezogen wird oder wie viel Geld die AfD in der Kasse hat – 9,4 Millionen Euro Reinvermögen, übrigens. Mehr als eine Million Euro hat die Partei zurückgestellt für mögliche Strafzahlungen für diverse dubiose Parteispenden. Auch wenn einzelne Delegierte Jörg Meuthen mit den Zahlungen konfrontieren, wird die Spendenaffäre der AfD nicht zum großen Thema des Parteitags.

Das große Thema des Parteitags ist die Neuwahl des Bundesvorstands. Interessant daran ist die Arithmetik: Welcher Teil der Partei besetzt wie viele Posten? Wie mächtig ist der Flügel? Rückt die AfD noch weiter nach rechts?

Jörg Meuthen versucht es mit Mäßigung. Er sagt, er stünde für eine Rechtsaußen-Partei nicht zur Verfügung. Tino Chrupalla versucht es auch mit Mäßigung. Er sagt, die bürgerliche Mitte erreiche man nur mit Vernunft: „Dafür braucht es keine drastische Sprache.“ Und auch Alexander Gauland versucht es mit Mäßigung. Er sagt, die AfD sei keine revolutionäre Partei, sie müsse durch demokratische Wahlen stärker werden.

Als sich der Holocaust-Leugner und Antisemit Wolfgang Gedeon zur Wahl zum Vorsitzenden stellt, reagiert der Parteitag mit Verachtung. Delegierte wenden sich ab, zeigen die rote „Nein“-Stimmkarte oder verlassen den Saal. Die Zeichen stehen am Samstag alle auf Mäßigung. Man könnte auf die Idee kommen, der völkisch-nationale Flügel habe an Einfluss verloren.

Hat er aber nicht. Bei den Wahlen zu den stellvertretenden Bundesvorsitzenden landet der Vertraute von Björn Höcke, der Flügel-Mann und frühere Rechtsausschuss-Vorsitzende Stephan Brandner im Vorstand. Ebenso die wenig gemäßigte Beatrix von Storch. Zu den Beisitzern wählt die AfD unter anderem Stephan Protschka, der in einer Facebook-Gruppe war, in der Hitler und die Wehrmacht glorifiziert und Holocaust-Opfer verunglimpft wurden. Ein anderer Beisitzer ist Andreas Kalbitz, Brandenburger Partei- und Fraktionschef und wichtigster Stratege des Höcke-Flügels.

Und obwohl es nur selten um Inhalte geht, wählen die meisten Delegierten eine Sprache, die man als drastisch bezeichnen muss. Sie hetzen gegen die „Deutschland-Verachter“ der Grünen, die Sozialisten der SPD, gegen Migranten, Flüchtlinge, den Islam, die „Mainstream-Medien“, die nun wieder schreiben würden, dass die Partei nach rechts gerückt sei, die CDU, die Antifa, im Grunde also gegen alle, die kein AfD-Parteibuch besitzen. Der Klimawandel, so hört man häufiger, sei nicht menschengemacht, und bei Atommüll handele es sich nicht um Müll.

Als der stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Schleswig-Holstein, Joachim Schneider, 47, dessen optische Ähnlichkeiten zu Adolf Hitler sich arg in Grenzen halten, sich um den Posten des Beisitzers bewirbt, erzählt er von seiner Mutter. Er habe ihr kürzlich ein Foto von sich im Weihnachtspullover geschickt, teilt er den Delegierten mit. Sie habe ihm geantwortet: „Du siehst aus wie Hitler.“ Die Eltern beobachten den Prozess des Erwachsenwerdens eben durchaus kritisch.

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