Höhenflüge und tiefe Stürze bei der AfD Im Schicksal der Ex-Vorsitzenden spiegelt sich Radikalisierung der Partei wider

Berlin · Die zehnjährige Geschichte der AfD ist auch eine Geschichte vom Aufstieg und vom tiefen Fall ihres Spitzenpersonals. Am Wechsel der AfD-Vorsitzenden lässt sich ablesen, wie sehr sich die Ausrichtung der Partei seit der Gründung im Februar 2013 verschoben hat.

Das AfD Logo am Eingang zum Fraktionssaal der AfD im Deutschen Bundestag.

Das AfD Logo am Eingang zum Fraktionssaal der AfD im Deutschen Bundestag.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Intrigen und Zerwürfnisse gibt es auch in anderen Parteien - kaum eine Partei jedoch trug sie derart offen aus wie die AfD. Mehrere ihrer Ex-Vorsitzenden verließen die Partei mit lautstarker Verbitterung. Ein Überblick:

Bernd Lucke

Der Hamburger Wirtschaftsprofessor war das erste Aushängeschild der AfD. Sein Herzensthema: die Kritik an der Euro-Rettungspolitik. Doch Lucke - von April 2013 an gemeinsam mit Frauke Petry und Konrad Adam erster AfD-Chef - scheiterte letztlich mit seinem Versuch, die Partei als wirtschaftsliberale Alternative zu Union und FDP zu positionieren. Den erstarkenden rechten Kräften hatte er wenig entgegenzusetzen.

Bernd Lucke

Bernd Lucke

Foto: dpa/Markus Scholz

Zum Bruch kam es beim Essener Parteitag 2015. Lucke wurde ausgebuht. Petry bootete ihn aus, er verließ die AfD. Seine Partei-Neugründung LKR fiel beim Wahlvolk durch. 2019 endete Luckes Mandat im Europaparlament - und seine politische Karriere. Begleitet von Studierenden-Protesten kehrte er an die Uni Hamburg zurück. Mit der AfD will er nichts mehr zu tun haben. 2019 attestierte er ihr, „eine latent fremdenfeindliche, deutschnationale Partei mit rechtsradikalen Einsprengseln“ zu sein.

Frauke Petry

Auch die einstige Vorzeigefrau der Rechtspopulisten musste erleben, wie schnell Siege in der AfD zerrinnen können. Mit dem neuen Ko-Vorsitzenden Jörg Meuthen, den sie 2015 an die Parteispitze holte, kam es schnell zum Zerwürfnis. Auch ihre Medienpräsenz konnte nicht verhindern, dass Petry von noch rechteren Kräften in der AfD überholt wurde. Die Entfremdung zwischen der AfD und Petry kulminierte spektakulär, als sie am Tag nach der Bundestagswahl 2017 auf einer Pressekonferenz mit der AfD-Spitze ihren Austritt erklärte, aufstand und ging.

 Frauke Petry

Frauke Petry

Foto: dpa/Britta Pedersen

Petrys Neugründung - die „Blaue Partei“ - erwies sich als Flop. 2019 löste sie die Partei auf. Für sie sei es „konsequent, wenn auch schmerzlich, unser Projekt an dieser Stelle zu beenden“, erklärte Petry damals. Dem Bundestag gehörte sie noch bis 2021 als fraktionslose Abgeordnete an. Auf ihrer Internetseite firmiert Petry derzeit als „Chemikerin und Autorin“.

Jörg Meuthen

Fast sieben Jahre - so lange wie niemand sonst - hielt sich der Professor aus Baden-Württemberg an der Parteispitze. Doch auch Meuthen musste erleben, wie ihm die Macht entglitt und radikalere Kräfte an Einfluss gewannen. Meuthen gab sich als bürgerliches Aushängeschild der AfD - versuchte dabei aber zugleich, auch die ganz rechten Kräfte um den Thüringer Björn Höcke einzubinden.

 Jörg Meuthen

Jörg Meuthen

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Seine Rück- und Austrittserklärung verband Meuthen im Januar 2022 mit bitteren Vorwürfen. Die AfD habe inzwischen „ganz klar totalitäre Anklänge“, Teile der Partei stünden „nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung“. Meuthen ist seit 2019 Europaabgeordneter. Im vergangenen Jahr wurde er Mitglied bei der Zentrums-Partei, einer katholischen Kleinstpartei.

Weitere Ex-Vorsitzende

Der konservative Publizist Konrad Adam war von 2013 bis 2015 einer der drei AfD-Chefs an der Seite von Lucke und Petry. Größere öffentliche Wirkung erzielte er nicht. 2019 attestierte Adam der AfD „rechtsextreme Tendenzen“, 2021 trat er aus. Der einzige AfD-Chef, der nach seiner Zeit als Vorsitzender nicht mit der Partei brach, ist Alexander Gauland. Seit 2017 sitzt er für die Partei, die er einmal als „gärigen Haufen“ titulierte, im Bundestag. In Partei und Fraktion spielt Gauland, der in drei Wochen 82 Jahre alt wird, die Rolle eines Elder Statesman, der über den ständigen Turbulenzen schwebt.

(zim/AFP)