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AfD - die Pandora-Partei

AfD-Parteitag : Die Pandora-Partei

Beides war beispiellos: Die Attacken des AfD-Chefs auf die eigene Partei und die wütenden Reden von Delegierten gegen den eigenen Vorsitzenden. Es beleuchtet indes nur das grundlegende Problem, die am radikalen rechten Rand wählbar sein will.

Bei ihrem Parteitag in Kalkar hat sich die AfD endgültig als Pandora-Partei entlarvt. In der griechischen Sagenwelt öffnete die Pandora eine verschlossene Büchse und ließ damit alle möglichen Übel in die Welt. Mit seinem beispiellosen Angriff auf Teile der eigenen Partei hat AfD-Chef Jörg Meuthen den Geburtsfehler der AfD offengelegt: Sie hat die am rechten Rand über Jahrzehnte abgeschlossenen Radikalen in das ernstzunehmende Spektrum der deutschen Parteienwelt hineingelassen.

Die fast zweistündige emotionale Debatte präsentierte eine AfD, in der sich Delegierte aus zwei Lagern mit Feindschaft und Hass überziehen. Sie halten sich gegenseitig vor, den Untergang der Partei zu riskieren. Und damit haben beide recht. Denn Alexander Gauland hat mit bürgerlichem Gestus und gleichzeitigem Zündeln an Tabus als AfD-Anhängerschaft zusammengebracht, was nach den Zeiten der furchtbaren NS-Herrschaft in Deutschland nicht mehr zusammengehörte. Aber seine Rechnung ging auf: Aus einer instabilen Sammlung von Freaks, Neu-Rechten und Neo-Nazis einerseits und einem Aufsaugen von heimatlos und orientierungslos gewordenen Konservativen andererseits wurde eine politisch wirkungsvolle Größe zu bilden.

Damit schuf er ein unterschwellig ständig brodelndes Unwohlsein beider Teile über die Partnerschaft mit dem jeweils anderen. Er selbst prägte den Begriff vom „gärigen Haufen“. Meuthen sorgte dafür, dass das ständige Gären mit Wucht an die Oberfläche drängte. Er war entschlossen, den Konflikt auf die Spitze zu treiben – einschließlich seines eigenen Sturzes. Im letzten Augenblick stoppten die Delegierten die Entscheidung, weil sie genau sahen, dass der Sieg der einen Seite die Niederlage für die andere bedeutet hätte und damit eine Spaltung hätte in Fahrt kommen können.

Die Verfahrensabstimmungen im Verlauf der ausufernden Beschädigung des eigenen Vorsitzenden haben mehrfach ein Ergebnis zufälliger Mehrheiten wie 49,7 und 50,3 Prozent ergeben, und damit war für beide Seiten wahrscheinlich, unterliegen zu können. Das ist die hinter den Schlagzeilen steckende Botschaft von Kalkar: Die von Rechtsaußen Björn Höcke geprägten Ost-Verbände stellen weniger als 20 Prozent der Delegierten. Der Einfluss des von Höcke geprägten „Flügels“ wurde bislang bei 30 Prozent vermutet. Dass der Anti-Meuthen-Flügel nun bereits die Hälfte der Delegierten umfasst, spricht für sich. So leidenschaftlich sich das Meuthen-Lager mit beschwörender Bürgerlichkeit für ihren Matador in die Redeschlacht stürzte, diese Kräfteverhältnisse bleiben. Meuthen verfolgt den Kurs, die AfD als Ganze an einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz vorbeizusteuern. Das Gegenteil hat die AfD in Kalkar klargemacht.