Nach Äußerungen des Gesundheitsministers Ärzteverbands-Chef droht mit längeren Praxisschließungen im Januar

Berlin · Während der bundesweiten Praxisschließungen hat sich der Ton zwischen den Ärzteverbänden und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verschärft. Sollte es Anfang Januar keine Einigung geben, drohen längere Streiks der Ärzte.

Derzeit bleiben viele Facharztpraxen geschlossen. (Archiv)

Derzeit bleiben viele Facharztpraxen geschlossen. (Archiv)

Foto: dpa/Daniel Karmann

Vor dem Hintergrund des aktuellen Ärztestreiks hat sich eine Debatte über die Einkommen niedergelassener Ärzte entsponnen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sein Unverständnis über die Forderung der Ärzte nach mehr Geld damit begründet, dass diese im internationalen Vergleich sehr gut verdienen würden.

Konkret hatte Lauterbach am Mittwochabend im ZDF-Fernsehen gesagt: „Die Forderung nach mehr Geld halte ich nicht für begründet.“ Mit Ausnahme der Schweiz werde nirgendwo in Europa in den Praxen so viel verdient wie in Deutschland. Gerade viele Facharztgruppen verdienten im internationalen Vergleich „ausgezeichnet“. Bei anderen Berufsgruppen im Gesundheitssystem, etwa den Pflegekräften, bestünde mehr Bedarf. Die Praxen bräuchten bessere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie und eine gerechtere Verteilung des Geldes.

So viel verdienen Fachärzte im Durchschnitt

Ihre Einnahmen erzielen Arztpraxen zu mehr als 70 Prozent aus der Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen. Nach jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamts für 2021 lagen die durchschnittlichen Einnahmen bei 756.000 Euro. Dem standen Aufwendungen von 420.000 Euro gegenüber. Daraus ergab sich ein durchschnittlicher Reinertrag von 336.000 Euro je Praxis. Beeinflusst werde dieser Wert aber durch Praxen mit sehr hohen Einnahmen und Ausgaben, hieß es. Die Abweichungen je Fachgruppe und Standort der Praxis sind sehr hoch. Mit Blick auf die verfügbaren Statistiken hatte etwa die Hälfte Einnahmen von bis zu 464.000 Euro und einen Reinertrag von bis zu 233.000 Euro. Die Angaben beziehen sich auch auf Gemeinschaftspraxen und Versorgungszentren mit mehreren Ärzten.

Der Reinertrag sei aber nicht mit dem Gewinn beziehungsweise dem Einkommen der Ärzte gleichzusetzen, erläuterten die Statistiker. Er stelle das Ergebnis des Geschäftsjahres der gesamten Praxis dar, berücksichtige aber zum Beispiel nicht Aufwendungen für Alters-, Invaliditäts-, Hinterbliebenen- und Krankenversicherung der Praxisinhaber. Kosten für Personal seien in den Aufwendungen enthalten. Nach Angaben des Virchowbunds, des Verbands der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, sind auch Einkommenssteuer und Investitionen in medizinische Geräte daraus zu bezahlen. Im Durchschnitt bleibe am Ende weniger als ein Viertel des Gesamthonorarumsatzes übrig. Zudem verwiesen Experten darauf, dass die Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2021 Sonderzahlungen für die Ärzte enthielten, also nicht repräsentativ für andere Jahre seien.

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Mit Blick auf das durchschnittliche Fachärztegehalt innerhalb der EU landet Deutschland laut OECD nur auf dem fünften Platz. Wie eine aktuelle Statistik der Organisation zeigt, aus der der französische Sender Euronews zitiert, verdienen Fachärzte in Luxemburg umgerechnet durchschnittlich 258.552 Euro im Jahr, irische Fachärzte 172.882 Euro, niederländische Spezialisten 160.869 Euro und dänische 156.061. Erst dann folgen die deutschen Ärzte mit durchschnittlich 146.200 Euro.

Virchowbund kritisiert Lauterbach - „Zettelt lieber Neiddebatten an“

Aus Sicht des Virchowbundes, der die Interessen der streikenden Ärzte vertritt, geht die Debatte jedoch an den Anliegen der Mediziner vorbei. „Gesundheitsminister Karl Lauterbach zettelt lieber Neiddebatten an, als die Ungerechtigkeiten im aktuellen Vergütungssystem zu beheben“, sagte Verbandschef Dirk Heinrich unserer Redaktion. „Niedergelassene Ärzte verdienen nicht so viel, wie der Minister suggeriert.“ Fachärzte in Hamburg etwa bekämen bei der Behandlung von gesetzlich Versicherten nur 70 Euro vergütet, in Bayern seien es 96 Euro. „Welcher andere Berufsstand verzichtet freiwillig auf 30 Prozent Entlohnung für die erbrachte Arbeit? Die niedergelassenen Fachärzte sind es leid, die Einsparungen für das Gesundheitssystem erbringen zu müssen“, so Heinrich. Seit zwei Jahren würden die Hausärzte auf die von Lauterbach versprochene Abschaffung der Budgetierung warten. „Die muss jetzt kommen, allerdings für alle niedergelassenen Ärzte“, so Heinrich.

Er warnte vor einer Einschränkung der Versorgung. „Kommt das Ende der Budgetierung nicht für alle Haus- und Fachärzte, wird es im Jahr 2024 zu einer Reduzierung der ärztlichen Versorgung kommen. Dann werden gesetzlich Versicherte noch länger auf einen Termin warten müssen, weil Ärzte aus ökonomischem Zwang Privatpatienten bevorzugt behandeln werden“, sagte Heinrich. „Gesetzlich Versicherte werden solche Lauterbach-Termine wahrscheinlich nur noch mit einer Wartezeit von zwei bis drei Monaten bekommen.“

Zum weiteren Zeitplan des Protestes fügte Heinrich hinzu: „Die Praxen bleiben am 29. Dezember noch geschlossen. Ab dem 2. Januar werden die Ärzte wieder wie gewohnt für ihre Patienten da sein.“ Sollte sich bei dem Gipfel mit dem Minister am 9. Januar allerdings keine Bewegung abzeichnen, würden die Praxen danach für eine ganze Woche schließen. „Das behalten wir uns vor“, so Heinrich.

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