Adolf Hitler — "Führer befiehl, wir folgen dir" — bis in den Tod

Zweiter Weltkrieg : "Führer befiehl, wir folgen dir" — bis in den Tod

Zehntausende Menschen brachten sich am Ende des Zweiten Weltkriegs um - aus Angst oder wegen ihrer Verstrickung in das NS-Regime. Ein neues Buch bringt Licht in das dunkle Kapitel des Massenselbstmords.

Die Stadt Demmin in Vorpommern war eine Insel inmitten des Krieges. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht eine einzige Bombe auf die Stadt gefallen, die wie eine Halbinsel in den Flussverlauf der Peene hineinragt. Hier treffen sich drei Ströme: Peene, Tollense und Trebel. Mit dem Westen war die Stadt nur über die Peene-Brücken verbunden.

Eine junge Friedhofsgärtnerin in der Stadt Demmin machte sich die Mühe, die Selbstmörder zu zählen. Jeden einzelnen trug sie in das Wareneingangsbuch der Friedhofsgärtnerei ein und vermerkte die Todesursache. Foto: Verlag/Huber

Diese Lage wurde Demmin zum Verhängnis, denn die Stadt lag auf der Vormarsch-Route der Roten Armee in Richtung Berlin. Und so kam es, dass in den ersten Maitagen 1945 hunderte von Toten an die Ufer der Peene und der Tollense gespült wurden. "In einer Breite von ca. 1,5 bis 2 Metern säumten Babywäsche, andere Bekleidungsstücke, insbesondere kostbare Frauenkleider und Pelze, Ausweise, Pässe sowie Geld die im Frühlingskleid prangenden Auen am Fluss", schrieb die junge Medizinstudentin Lotte-Lore Martens später in ihr Tagebuch.

Demmin ist der Schauplatz des Buches "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt" von Florian Huber. Der Historiker und Publizist hat die Ereignisse zwischen dem 29. April und dem 4. Mai in der Stadt in einer historischen Reportage rekonstruiert. Die Wehrmacht hatte viel zu lange mit dem Rückzug gewartet, am 29. Mai gab sie die Stadt schließlich auf und sprengte hinter sich die Brücken, um etwas Vorsprung zu gewinnen.

Mit der heranrückenden Roten Armee begann der Horror für die Menschen in Demmin, die Stadt bestand ohnehin überwiegend aus Frauen und Kindern. Die meisten Männer waren an der Front. Und während sich Adolf Hitler im Führerbunker in Berlin mit einer Pistole in den Kopf schoss, versuchten 200 Kilometer weiter nördlich alle, die noch etwas zu verlieren hatten, zu fliehen. Weit kamen sie nicht: Die Wehrmacht hatte die Brücken ja gesprengt. So versteckten sich die vielen Frauen und Kinder am Stadtrand oder im Wald. Doch die Soldaten der Roten Armee fanden sie trotzdem. Huber berichtet von den Plünderungen und Vergewaltigungen, die die Bewohner der Stadt in ihren Tagebüchern festgehalten haben.

Für seine Recherchen ist Huber in Demmin gewesen, und er hat sich im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen bei Freiburg durch unzählige Nachlässe gefräst, um an Quellen zu kommen. Im zweiten Teil seines Buches beschreibt er, dass Demmin überall war. Die meisten dokumentierten Selbstmorde geschahen im Osten des ehemaligen Reiches, doch auch im Western töteten sich die Menschen scharenweise - Männer erschossen erst ihre Frauen und Kinder und dann sich selbst, Menschen starben am Strang, Frauen ertränkten ihre Kinder, bevor sie selbst den Tod im Wasser suchten. So wie in Demmin, dort töteten sich bis Herbst 1945 fast 1000 Menschen, wie aus dem "Wareneingangsbuch" der Friedhofsgärtnerei hervorgeht.

Florian Huber war im Zuge seiner Recherchen überrascht, welches Ausmaß die Selbstmorde angenommen hatten. "Es gab kein Muster in Bezug auf Herkunft, Berufsstand oder politische Gesinnung", sagt er. "Und oftmals waren es Kindstötungen und auch Mord." Er zeigt anhand vieler einzelner Tagebucheinträge, wie sich eine Welle der Hoffnungslosigkeit über Deutschland ausbreitete und wie die Menschen, die von ihr erfasst wurden, auf das Untergangsszenario reagierten. "Mir ging es darum, in die Köpfe der Menschen zu kriechen und deren Gefühle nachvollziehbar zu machen", sagt er. So beschreibt Huber detailliert die Befindlichkeit einer Generation, die historische Einbettung kommt dabei jedoch an einigen Stellen zu kurz.

70 Jahre hat es gebraucht, damit ein solches Buch zustande kam. Die deutsche Geschichtsschreibung hat sich immer sehr stark auf die Täterforschung konzentriert und auf die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur. Eine Perspektive, die auch das Leid der Zivilbevölkerung in den Blick nimmt, ist erst mit der Hinwendung zur Alltagsgeschichte eingenommen worden. Huber schreibt eine Geschichte der kleinen Leute. Dass dieses Buch über das Phänomen des Massenselbstmordes möglich war, liegt auch am neuen Blickwinkel der Historiker. Sie fragen zunehmend auch nach der Mentalität der Menschen.

Christian Goeschel lehrt europäische Geschichte an der Universität Manchester. Er hat 2009 ein Buch zum Thema Selbstmord im Dritten Reich veröffentlicht. Er ist der Meinung, dass Selbstmord vor allem deswegen von der historischen Forschung bisher stiefmütterlich behandelt worden ist, weil es zwischen die Kategorien "Täter" und "Opfer" fällt. Als Selbstmörder sei man beides. Die Frage, warum sich so viele Menschen am Ende des Krieges umgebracht haben, lasse sich nur schwer beantworten. Es gebe zu viele Motive für diese Tat.

Aus den Quellen haben Huber und Goeschel aber ähnliche Gründe destilliert. Die Furcht vor dem Feind, vor allem der Roten Armee hat in den Ostgebieten des Deutschen Reiches eine Selbstmordwelle verursacht. Oftmals führte die Verstrickung in das NS-Regime in den Selbstmord, viele fürchteten die Rache des Feindes. Huber beschreibt eine Szene, in der sich die Angst bis zur Hysterie steigerte. Während des Vormarsches der Roten Armee in Richtung Demmin hörten die Menschen in den Nachbarorten ein anhaltendes Dröhnen. Das verbanden die Leute mit den Horrorgeschichten der Propaganda über die "sowjetische Mordwalze". Rasch flammte unter Frauen das Gerücht auf, die Rotarmisten hätten eine Höllenmaschine in Gang gesetzt, ähnlich einem gigantischen Fleischwolf, schreibt Huber.

Ein weiterer Grund war die Vorstellung, ohne den "Führer" weiterleben zu müssen. Auch das war eine Folge der Kriegspropaganda, die die Menschen indoktriniert hatte: alles oder nichts. Dafür stand die Parole: "Führer befiehl, wir folgen dir." "Der Gedanke war: Wenn unsere Welt untergeht, dann gehen wir am besten auch mit unseren Familien unter", sagt Huber. Das hatte Adolf Hitler selbst vorgelebt. Auch andere Parteigrößen wie Joseph Goebbels töteten sich selbst kurz vor Kriegsende.

Die Fallhöhe macht Huber im dritten Teil seines Buches deutlich. Die Jahre des Dritten Reiches seien ein Auf und Ab extremer Stimmungen und Gefühle gewesen. Huber beschreibt die Euphorie im März 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Alles schien plötzlich machbar, das Gefühl der Stagnation war vorbei. Zwischen 1933 und 1939 herrschte Frieden, die Bindung an den "Führer" war bedingungslos. 1941 setzt Huber die Zäsur. Er schildert, wie die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" auseinanderbrach. Die Zerstörung des Landes hatte zu einer innerlichen Verwüstung geführt.

Der dritte Grund sind Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die in den letzten Kriegstagen um sich griffen. Ihnen zum Opfer fielen die zahlreichen Frauen, die von der Roten Armee vergewaltigt wurden. Lore Martens aus Demmin erlebte mit, wie vergewaltigte Frauen mit ihren Kindern wie in Trance den Tod in den Gewässern rund um Demmin suchten. "Wir sahen sie früher oder später rechts den Weg Richtung Tollense einschlagen. Ein Aufhalten war nicht möglich." Die junge Frau überlebte, ihren Vater aber fand sie nicht mehr lebend am Ufer. Dafür seinen Pelzmantel und den Militärpass.

(RP)
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