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42-Stunden-Woche: Deutschland braucht Lösungen für den Fachkräftemangel

Arbeitszeit-Verlängerung : Wir müssen über die 42-Stunden-Woche reden

Wirtschaftsvertreter haben die 42-Stunden-Woche ins Spiel gebracht, um auf den Fachkräftemangel zu reagieren. Das wird als „gestrig“ kritisiert. Aber wie könnte eine Lösung für Morgen aussehen?

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist nicht mehr nur ein Schlagwort unter Experten. Menschen, die bauen, in Urlaub fliegen, in Restaurants bedient werden oder im Schwimmbad ihre Bahnen ziehen wollen, begegnen dem Mangel auf Schritt und Tritt. Es fehlt an Menschen für viele Dienstleistungen und an Produkten, die nur von Fachleuten hergestellt oder eingebaut werden können. Mehr als 1,7 Millionen Stellen sind laut einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Deutschland aktuell unbesetzt. Ein Rekordwert. Und die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge gehen erst noch in Rente. Dann wird sich das Problem weiter verschärfen.

Wirtschaftsvertreter wie der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, und Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft, haben darum eine optionale oder sogar reguläre Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden ins Spiel gebracht, bei vollem Lohnausgleich. Sie verweisen unter anderem auf Nachbarländer wie die Schweiz oder Schweden, wo bereits bis zu zwei Stunden pro Woche mehr gearbeitet wird, um das Rentensystem in einer alternden Gesellschaft stabil zu halten und über ausreichend Fachpersonal zu verfügen.

Natürlich ist die 42 eine Reizziffer. Und entsprechend heftig sind die Abwehrreflexe. Ihr Vorschlag sei „gestrig“, hieß es zum Vorstoß der Wirtschaftsvertreter. Das Verhältnis zur Arbeit sei schließlich im Wandel, viele Menschen wünschten sich eher kürzere Arbeitszeiten als längere, kämpften damit, Leben und Arbeit in Balance zu halten, und bräuchten sicher kein Extraschüppchen auf die Waagschale Arbeit. Da erscheinen Debatten über 42 Stunden pro Woche wie aus der Zeit gefallen. Doch es gibt wenig Ideen, wie dem demografischen Wandel und dem Fachkräftebedarf anders zu begegnen wäre. Die Heraufsetzung der Lebensarbeitszeit auf 70 Jahre kommt für die Reduzierungsverfechter noch weniger in Frage.

In Wahrheit erscheint das Plädoyer für die 42-Stunden-Woche nur gestrig, wenn man in Kategorien von früher denkt, also mit Slogans wie „40 Stunden Arbeit sind genug!“ oder „Samstags gehört Vati mir“ um kürzere Arbeitszeiten gestritten wurde. Tatsächlich muss die Ausgestaltung von Arbeitszeiten flexibler werden – was die Reduzierungsmöglichkeiten angeht, aber eben auch die Erhöhung. Denn das ist die einzige kurzfristig wirksame Antwort auf die akuten Probleme. Und wenn ein Unternehmen motivierte Fachkräfte hat, die sich eine Erhöhung ihres Arbeitsvolumens vorstellen können, warum das tariflich ausschließen?

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Allerdings sollte das die Politik nicht aus der Pflicht entlassen, auch längerfristige Antworten endlich ernsthaft anzugehen. Fachleute aus dem Ausland anzuwerben oder Migranten so auszubilden, dass sie in anspruchsvollen Jobs Fuß fassen können, ist aufwendig und fordert eine Gesellschaft auf vielen Ebenen. Aber auch das ist ein wichtiger Weg, um das Land an die Folgen von demografischem Wandel und technologischer Spezialisierung anzupassen. Doch Deutschland hat erst spät begriffen, dass der Fachkräftemangel ein Aspekt der Migrationspolitik ist und führt noch immer vor allem ideologische Debatten über Bleibe- und Arbeitsrecht, statt pragmatische Lösungen umzusetzen.

Auch über die Balance zwischen Leben und Arbeit wird oft sehr einseitig diskutiert. Als ginge es darum, die Arbeit möglichst weit aus dem Leben zu verdrängen, als sei, wenig zu arbeiten, allein schon ein Glücksfaktor. Tatsächlich gibt es Arbeiten, die körperlich so belastend sind oder so stupide, dass man sich eine Verlängerung nur wünschen kann, wenn entsprechend gut gezahlt wird. Aber gerade in höher qualifizierten Jobs geht es in der Balancefrage wohl eher um die Qualität von Arbeit, um Betriebsklima, Gestaltungsmöglichkeiten und vor allem auch bei diesem Thema: um Flexibilität. Denn oft ist es gar nicht die pure Anzahl von Arbeitsstunden, die Mitarbeiter zermürbt, sondern dass die Arbeit ihr soziales Leben verhindert. Weil man es eben nie pünktlich zum Sporttraining schafft oder das Schulkonzert der Kinder verpasst, weil man wieder zur Spätschicht eingeteilt wurde.

Wenn Arbeit der starre Fremdkörper ist, der sich nicht an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt, sind 42 Stunden pro Woche davon natürlich ein schlechter Ausblick. Doch sollte die Debatte nicht an solchen Kampfzahlen hängen bleiben, sondern sich mehr um das Wie der Arbeit drehen als um das wie lang.