Deutsche Witzigkeit

Deutsche Witzigkeit

In der Diaspora des Humors, dem deutschen Fernsehen, herrscht zum Jahresende Lustigkeits-Zwang. Doch was auf den Elends-Etagen der Albernheit produziert wird, ist höchstens unfreiwillig komisch.

Düsseldorf Hätte Loriot einen Sketch über Humor im deutschen Fernsehen geschrieben, wäre der Ort des Geschehens eine verkannte Hochburg der öffentlich-rechtlichen Heiterkeit geworden, zum Beispiel Phoenix, der Gemeinschafts-Sender von ARD und ZDF. Wir würden Zeugen eines grotesken Meinungsaustauschs unter Freunden des gepflegten Scherzes auf der Suche nach dem Titel einer Themensendung über deutsche Witzigkeit für den Silvester-Nachmittag. Dann käme die großartige Szene, in der einer der bemühten Scherzbolde plötzlich aufspringt und "Schluss mit Lustig" in den Raum ruft, worauf der begeisterte Programmdirektor das Wortspiel mit der Anweisung ruiniert, den Themen-Nachmittag aus Gründen der Verständlichkeit doch lieber "(Jahres-) Schluss mit Lustig" zu nennen.

Man darf annehmen, dass es auf den öffentlich-rechtlichen Elends-Etagen der Albernheit so wenig ein Gespür dafür gibt, dass die Wahl des Titels "(Jahres-) Schluss mit Lustig" weit komischer ist als der Inhalt des Silvester-Themas, wie es bei Vox niemanden stört, dass sich der Daniela-Katzenberger-Jahresrückblick recht dokumentarisch zur These Sigmund Freuds verhält, dass das gänzliche Fehlen von Scham häufig ein Anzeichen von Schwachsinn ist. Deutsches Fernsehen wäre gerne lustig, vor allem zum Jahresende. Neben x-fachen Wiederholungen des "Dinner for One" und irritierend öden TV-Partys quillt das Silvester-Programm über von Slapstick, Klamauk und Comedys. Als im Sommer bei einem sozialen Netzwerk 30 000 Nutzer über die Lage der Lustigkeit auf dem Planeten abstimmten, landete Deutschland auf dem letzten Platz. Dabei lachen die Deutschen gern, selbst wenn sie gerade nicht Karneval feiern oder in Pogromstimmung sind. Sie treffen sich in Clubs zum Yoga-Lachen "mit anschließendem Lach-Mahl (Picknick)". Statt zum Lachen in den Keller zu gehen, pilgern sie sogar zu Mario Barth ins Stadion.

Barths Karriere markiert den vorläufigen Tiefpunkt eines humoristischen Niedergangs, der vor 40 Jahren mit Fips Asmussen begann. Deutschlands dienstälteste Fachkraft für flache Witze (74) schaffte es im November noch einmal an die Theke von ARD-Zoten-Königin Ina Müller. Kostprobe: "Beamte dürfen kein Viagra nehmen, sonst stehen zwei blöd rum." Witzigkeit im deutschen Fernsehen kennt getreu dem Motto Hape Kerkelings tatsächlich kein Pardon.

Im Gegensatz zu Barths Lach-Animation, die selbst Asmussen verachtet, basiert die Funktionsweise eines typischen Fips-Witzes neben Sexismus sowie Ressentiments gegen Frauen, Schwule und Ausländer auf einer simplen Mechanik, die der Psychiater Emil Kraepelin (1856–1926) bereits 1885 in seiner "Psychologie des Komischen" beschrieben hat. Ein Witz sei "die willkürliche Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgendeiner Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das Hilfsmittel der sprachlichen Assoziation", so Kraepelin. Oder am Beispiel Asmussens: Der Effekt des Witzes tritt ein, wenn Vorstellung 1 (Mann in der Apotheke: "Ich brauche was gegen Hämorrhoiden!") auf Vorstellung 2 trifft (Apotheker: "Suchen Sie sich was aus, ist alles für den Arsch!"). Asmussen baut darauf, dass bei gefühlten 30 Pointen pro Minute jede vierte zündet und im Publikum ein Ersatzgefühl für Unterhaltung hervorruft.

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Mario Barth, und daher rührt wohl Asmussens Verachtung für ihn, erzählt seinem Stadion-Publikum nicht einmal Witze. Nach dem immer gleichen Schema verkumpelt er sich ("Kennt Ihr Mütter? Klar! Mütter? Kennt Ihr!") mit der Masse, es folgt die langatmig gestammelte, gegrunzte und grimassierte Wiedergabe eines läppischen Vorgangs ("Pass auf! Das Beste kommt erst noch!"), darauf setzt er eine absurde Pointe, vor der er krächzend kichert, damit sein Publikum weiß, dass jetzt gemeinsam gelacht wird, und zwar laut. Witzig ist daran nichts.

Das alles verfehlt, was Sigmund Freud in "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" als unsere eigentliche Erwartung an Witz, Komik und Humor beschreibt, nämlich das Erreichen einer verlorenen Euphorie, "die Stimmung unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen."

John Vorhaus, einer der Autoren der TV-Serie "Eine schrecklich nette Familie" um den Schuhverkäufer Al Bundy, berichtet, wie er bei seinem ersten Kurs seine Nervosität damit bekämpfte, dass er den Studenten eröffnete, er rechne jeden Moment damit, dass Polizisten vom Betrugsdezernat die Tür einträten und ihn ins Gefängnis für falsche Lehrer verfrachteten. "Ich bekam einen Lacher, aber was wichtiger war, ich stieß auf eine Wahrheit und einen Schmerz, die allen kreativen Menschen gemein sind: Wir haben alle Angst vor dem Betrugsdezernat. Warum? Weil kreative Menschen von Natur aus immer größere und beängstigendere Herausforderungen suchen als solche, die sie bereits gemeistert haben." Für Vorhaus gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Komödie und Gefahr: "Je größer die Gefahr, desto besser die Komödie."

Das beschreibt recht genau den Unterschied zwischen Humor und deutscher TV-Witzigkeit. "Der satirische Jahresrückblick", den Phoenix heute in sein Witzigkeits-Potpourri einbaut, ist dafür ein gutes Beispiel. Die Autoren werden Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ("Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen"), Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer (Prostituierte auf dem Betriebsausflug) und Christian von Boetticher, den weinerlichen CDU-Ex-Liebhaber einer 16-Jährigen, durch den Kakao ziehen. Das alles gerät zu Häme statt Humor, zu einer Art Fips-Witz für alle, denen Harald Schmidt zu abgehoben, aber Mario Barth zu doof ist. Statt das Fehlen eines neuen Loriot zu bejammern und die britische BBC aus der Ferne zu bewundern, könnten sich die Verwalter der deutschen TV-Witzigkeit einer simplen Erkenntnis öffnen: Humor ist ein Handwerk. Lustig kann man lernen. Alles andere ist ein Fall für das Betrugsdezernat.

(RP)
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