Nato-Manöver in Polen: Der Westen probt den Krieg gegen Russland

Nato-Manöver in Polen : Der Westen probt den Krieg gegen Russland

Soldaten aus 23 Nationen nehmen zurzeit im polnischen Bydgoszcz an einem Nato-Manöver teil. Schon der Ort ist ein Signal: Ganz in der Nähe, im Baltikum, hat das Bündnis mit Blick auf Moskau eine unsichtbare rote Linie gezogen.

Wehten nicht die 28 Flaggen aller Nato-Staaten vor dem Eingang, wäre das Trainingszentrum im polnischen Bydgoszcz scheinbar ein Bürogebäude wie jedes andere. Doch drinnen wird gerade die Rückeroberung einer besetzten estnischen Insel vorbereitet: Der Feind ist auf die Insel Hiiumaa zurückgedrängt worden, Nato-Verbände sind mit Hubschraubern und Schiffen gelandet und setzen, unterstützt von Jagdbombern und Kriegsschiffen, zum Gegenangriff an.

Doch ein Schuss fällt nicht - der Kampf tobt nur virtuell: 400 Soldaten aus 23 Staaten simulieren, durch Computer vernetzt, noch bis Freitag eine Kampfgruppe von 40.000 Mann, Ausschnitte der Lage waren vorher im polnischen Manöver "Anakonda" mit echten Panzern und Flugzeugen geübt worden. Die fiktive Lage von "Trident Joust" ("Dreizack-Turnier") ist ein deutliches Signal in Richtung Russland: Der Aggressor Bothia hat das Nato-Mitglied Estland angegriffen und muss nun zurückgeschlagen werden. Artikel 5 des transatlantischen Vertrages ist dafür die Grundlage: Ein Angriff auf einen Mitgliedsstaat wird als Angriff auf alle angesehen — eine Abschreckungsstrategie, die im Kalten Krieg vier Jahrzehnte lang den Frieden bewahrt hat und danach bis zur russischen Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ost-Ukraine Geschichte zu sein schien.

Jetzt ist das totgeglaubte Gespenst wieder da: Rote Rauten stellen auf einer riesigen Leinwand im Operationszentrum den Feind dar, die blauen Vierecke symbolisieren die Verteidiger. Diese farbliche Unterscheidung gab es schon vor dem Mauerfall. Doch "Trident Joust" ist nicht nur wegen der Computersimulationen ein modernes Manöver: Die Kanadierin Hope Carr hat die Rolle von gleich 40 Journalisten übernommen und bombardiert die Übungstruppe mit kritischen Zeitungsberichten und Kommentaren in den sozialen Netzwerken im Internet. "Das ist ein Gebiet, dass die Militärs nicht kontrollieren können, aber auf das sie reagieren müssen", sagt Carr. "Ich muss so realistisch arbeiten, dass die Soldaten vergessen, dass das nur eine Übung ist."

Der Begriff des "Eventmanagers" wird in Bydgoszcz anders als im Zivilen verstanden: Vier Soldaten des Leitungsteams spielen nach einem Drehbuch Sabotageaktionen und Cyberangriffe für den Stab ein. Ein US-Offizier, dessen Frau aus Wuppertal stammt, wie er stolz berichtet, beobachtet aufmerksam Dutzende wandernde grüne und blaue Punkte auf seinem Bildschirm: Aktivitäten im Internet verraten ihm, dass hier gerade vom Feind ein "Flashmob", ein spontan verabredeter Massenprotest, gegen die Nato vorbereitet wird. Auch Mitarbeiter von acht zivilen Hilfsorganisationen sind in den fensterlosen, schmucklosen Räumen dabei. Sie tauschen mit den Soldaten Informationen darüber aus, wo und wie Unterstützung der Zivilbevölkerung im Kampfgebiet ungefährdet möglich ist.

Vor dem Nato-Training Center im polnischen Bydgorczsz: Hauptmann Ieva Gulbiniene (30) aus Litauen. Foto: Edwin Tromp

"Ich bin in den Streitkräften, weil ich meine Heimat schützen will", sagt Hauptmann Ieva Gulbiniene (30) von der litauischen Luftwaffe, eine der Teilnehmerinnen. Ich bin froh, dass es die Nato gibt. 28 Nationen sind eine starke Gemeinschaft und die Zusammenarbeit ist großartig." Auch wenn die Nato-Soldaten nun in Polen hinter verschlossenen Türen ihre Zusammenarbeit trainieren: In der polnischen Öffentlichkeit wird diese Stabsrahmenübung ebenfalls erfreut registriert: Polen und die drei baltischen Staaten sind tief besorgt, dass die russische Armee nach dem Muster von Georgien, Moldau und der Ukraine auch sie angreifen könnte, weil angeblich russische Bürger in Gefahr sind: "325.000 der 1,3 Millionen Einwohner Estlands sind russischer Abstammung; in Lettland ist gerade eine russlandnahe Partei zur stärksten Partei gewaehlt worden, jedoch ohne an der Regierung beteiligt zu sein", erläutert der Befehlshaber des Allied Joint Force Command Brunssum, der deutsche Viersterne-General Lothar Domröse.

"Da kann man die Angst schon nachvollziehen, auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass es der russische Präsident Wladimir Putin wagen würde. Nein, Einer gegen 28, das wird er nicht machen." Domröses Stab ist von Brunssum in den Niederlanden aus über Geilenkirchen mit gecharterten Zivilflugzeugen binnen 24 Stunden nach Bydgoszcz eingerückt — auch diese Schnelligkeit soll eine Warnung sein. Mit einer Kette teils kleiner Manöver zeigt die Verteidigungsallianz nun an ihrer Ostgrenze Flagge. Zeitgleich zu "Trident Joust" üben amerikanische Fallschirmjägereinheiten mit baltischen Truppen die Zusammenarbeit, seit letzter Woche läuft auch in der Slowakei eine große Übung mit mehreren Nato-Nationen.

"Wir sind da, wenn ihr in Gefahr seid, das wollen wir demonstrieren", sagt Domröse. "Es ist aber für uns wichtig, die Balance zu halten, dass sich die Bevölkerung hier geschützt fühlen darf, aber Präsident Putin nicht behaupten kann, dass er bedroht werde." Auf die Einhaltung des Nato-Russlandvertrages werde daher streng geachtet: Truppen des Bündnisses dürfen danach nicht fest in den östlichen Mitgliedsländern stationiert werden, mehr als eine Brigade (5000 bis 6000 Soldaten) darf dauerhaft nicht dort sein.

Im Februar 2015 wollen die Nato-Verteidigungsminister über die neue Schnelle Eingreiftruppe des Bündnisses beschließen. Domröses Stab erarbeitet dafür gerade Pläne. Denkbar ist eine Stationierung nahe Grafenwöhr in der Oberpfalz, aber auch in allen anderen Nato-Staaten Osteuropas, das Material könne in Torgelow (Mecklenburg-Vorpommern) an der polnischen Grenze gelagert werden. Aber da haben das amerikanische Oberkommando in Europa und der Nato-Rat noch ein gewichtiges Wort mitzureden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das Nato-Manöver in Bydgoszcz 2014

(mic)
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