Der tollkühne Papandreou

Der tollkühne Papandreou

Freund und Feind rätseln, was den griechischen Regierungschef dazu bewogen hat, überraschend eine Volksabstimmung über das Rettungspaket anzukündigen. Für den politisch in die Enge getriebenen 59-Jährigen ist es wohl auch der Versuch eines persönlichen Befreiungsschlags.

Athen/Düsseldorf Der Beifall rauschte im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt, dann sagte Giorgos Papandreou ein paar artige Dankesworte. Anfang Oktober 2010 war das, als der griechische Premierminister mit dem Quadriga-Preis ausgezeichnet wurde – für die "Kraft der Wahrhaftigkeit", mit der er sein vom Bankrott bedrohtes Land reformieren wolle. So hatte es der Laudator formuliert, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

Nun, ein Jahr später, wird sich wohl nicht nur Ackermann fragen, ob Papandreou das mit der Wahrhaftigkeit vielleicht irgendwie falsch verstanden hat. Mit seiner Ankündigung, die Griechen über die Annahme des milliardenschweren Rettungspakets und der damit verbundenen Sparmaßnahmen abstimmen zu lassen, hat der Sozialist in den EU-Hauptstädten helles Entsetzen ausgelöst. Und auch viele Griechen tun sich schwer, die Beweggründe des 59-Jährigen zu verstehen, der das Land seit 2009 führt. Den Referendumsplan habe ein dunkler "Lord des Chaos" ausgeheckt, mutmaßte selbst die ansonsten stramm regierungsfreundliche Athener Zeitung "Eleftherotypia". Andere Medien sprachen von "politischem Selbstmord".

Es ist wohl der Coup eines Geschmähten, der Versuch eines tollkühnen Befreiungsschlags, den nur ein Mann ersinnen kann, der mit dem Rücken zur Wand steht. Giorgos Papandreou ist so einer. Äußerlich ist der stets gebräunte und gertenschlanke Premier die Ruhe selbst. Aber der brutale Liebesentzug der Griechen, die ihn seit Monaten als Marionette der EU und als Verräter beschimpfen, der das Land an gierige Finanzhaie verschachern will, kann unmöglich spurlos an ihm vorübergehen, genauso wenig wie die Querschüsse aus der eigenen Partei, die ihn trotz seines großen Namens nie recht als einen der Ihren anerkennen wollte.

Denn Papandreou entstammt zwar der wichtigsten politischen Dynastie Griechenlands – sein Großvater Georgios wie auch sein Vater Andreas waren Ministerpräsidenten – und er fühlt sich erfüllt von einer Mission zur Rettung des vom Bankrott bedrohten Vaterlandes. Aber den Ruf, im Schatten seines Vaters und Großvaters zu stehen, wurde Papandreou nie los. Ebenso wenig wie seinen Spitznamen: "Jorgakis", der kleine Giorgos.

Schlimmer noch: Für viele Griechen ist ihr Premier, der in Amerika geboren wurde und zeitweilig in Schweden studierte, eigentlich ein Ausländer. Höhnisch wird registriert, dass sein Griechisch nicht immer fehlerfrei ist. Dass der Premier dafür auf internationalem Parkett mit perfektem Englisch eine exzellente Figur macht, ist eher Anlass zu giftigem Misstrauen. Selbst sozialistische Parteifreunde fremdeln mit dem Manager-Typen Papandreou und haben dafür gesorgt, dass sein ewiger Rivale, Finanzminister Evangelos Venizelos, ihn immer stärker an den Rand drängen konnte.

Wer so stark unter Druck steht, der mag trotz aller Risiken mit einem politischen Befreiungsschlag liebäugeln, der alle Probleme auf einen Streich zu lösen verspricht. Was wäre denn, wenn die Griechen am Ende doch mit Ja stimmten? Dann hätte der viel geschmähte Premier plötzlich die Legitimation, die ihm alle streitig machen wollen. Dann könnte er den Rivalen Venizelos endlich in die Schranken weisen und die Blockadepolitik der konservativen Opposition durchbrechen. Und auch gegenüber Europas Mächtigen, die ihn gestern in Cannes erneut zum Rapport zitierten, könnte er endlich anders auftreten als ein armseliger Bittsteller.

Aber dahinter steckt ein äußerst gewagtes Kalkül. Deswegen vermuten nicht wenige Kenner der griechischen Polit-Szene, dass Papandreou gar nicht an sein tollkühnes Referendum glaubt. Womöglich rechnet er ja ganz fest damit, bei der Vertrauensfrage, der er sich am Freitag im Parlament stellen will, zu scheitern. Dann könnte er seine politische Karriere mit einem Paukenschlag beenden – als jener Staatsmann, der aufgestanden ist, um seinem Volk das Recht auf Selbstbestimmung zurückzugeben, und dafür gestürzt wurde. Ein Platz in den Geschichtsbüchern wäre dem "kleinen" Papandreou dann sicher, wenn auch als tragischer Held. Aber das wäre ja sehr griechisch, und nichts wünscht sich Papandreou, der Verkannte, glühender als das.

(RP)
Mehr von RP ONLINE