Der Terror-Alarm

Der Terror-Alarm

Warum die Deutschen in diesen Tagen so bedroht sind von Anschlägen wie nie zuvor – und wie die Behörden die Bevölkerung mit einem Großeinsatz von Personal bestmöglich zu schützen versuchen.

Berlin Es war bislang nicht nur pures Glück, dass die Deutschen von schweren islamistischen Anschlägen verschont blieben. Denn im Grunde funktioniert die Terrorabwehr in Deutschland. Die Sauerland-Attentäter waren längst enttarnt und unter Rundum-Überwachung, als sie sich immer noch unbeobachtet wähnten und unbekümmert an ihrer Bombe bauten. Rechtzeitig legte ihnen der Staat das Handwerk.

Und auch die Al-Qaida-Bombe aus dem Jemen, die vor zwei Wochen in Köln-Bonn umgeladen wurde, war nicht unbemerkt durchs Netz geflutscht. Ein Mitarbeiter war beim Studieren der Frachtpapiere stutzig geworden: Warum soll ausgerechnet ein gebrauchter Drucker für vergleichsweise horrende Frachtkosten in die USA geschickt werden, wo funkelnagelneue billig an jeder Ecke zu kaufen sind?

Die angeordnete Frachtprüfung kam jedoch zu spät: Die Maschine mit den zur professionellen Bombe umgebauten Toner-Kartuschen war schon abgefertigt und in der Luft. In der globalisierten Welt kommt es auf das Funktionieren des schnellen Warenumschlags an. Zeit ist Geld – und Risiko für die Sicherheit jedes Landes.

Das Erlebnis der realen Bombe von Köln veränderte die Haltung von Innenminister Thomas de Maizière. Seit mehr als einem Jahr hatte er sich beharrlich geweigert, an die regelmäßigen Alarmrufe seines Vorgängers Wolfgang Schäuble anzuknüpfen. De Maizières Kalkül: Durch Dauerwarnungen stumpfen die Menschen ab. Wenn wir noch einmal warnen, dann muss es ernst sein.

Seit Dienstagabend ist es ernst. Der CDU-Politiker war gerade vom Parteitag in Karlsruhe nach Berlin zurückgekehrt, als sich ihm ein völlig neues Bild bot. Bislang verstreute Puzzleteile passten plötzlich zusammen und ergaben eine nicht mehr nur abstrakte, sondern sehr konkrete Gefährdung. Die Dienste hatten für die Bundesregierung zwar auch in den vergangenen Monaten eine Fülle von Hinweisen auf verstärkte terroristische Aktivitäten erhalten. Doch schlüssige Zusammenhänge ergaben sich nicht. Die Bombe von Köln war der Einstieg in eine Phase neuer Erkenntnisse. Das Zusammentreffen von Hinweisen aus dem Ausland mit nachprüfbaren eigenen Ermittlungen bestätigte: "Da läuft was." Und zwar gegen Deutschland und vermutlich sogar noch Ende November.

Im September vergangenen Jahres hatten die Sicherheitsbehörden schon einmal die interne Anti-Terror-Bereitschaft hochgefahren. Tausende Beamte nahmen mutmaßliche Gefährder in vielen deutschen Städten unter Rundum-Bewachung, weil das Terrornetzwerk al Qaida ganz konkrete Warnungen ins Internet gestellt hatte. Die Deutschen sollten Parteien wählen, die den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan forderten, sonst müssten sie nach den Wahlen mit einem "bösen Erwachen" rechnen.

Nach vier Wochen wurde die Alarmstufe aufgehoben. Es hatte sich um eine leere Drohung gehandelt. Oder hatte die Präsenz der Fahnder, Observateure und schwer bewaffneten Objektschützer potenzielle Attentäter abgeschreckt? Von den Kölner Kofferbombern wussten die Sicherheitskräfte, dass sie die Anschläge eigentlich schon während der Fußball-WM 2006 hatten verüben wollen. Aber auch damals hatte Innenminister Wolfgang Schäuble aus Furcht vor Terroristen die Polizeipräsenz massiv erhöht – und damit die Gasflaschen-Bomber von ihren Plänen zunächst abgebracht.

So schickten de Maizière und seine Amtskollegen in den Bundesländern denn auch gestern sofort Polizisten auf die Straßen und Plätze, Bahnhöfe und Flughäfen. Zudem sind die Behörden fieberhaft damit beschäftigt, die aktuellen Einreisen nach Deutschland sowohl auf verdächtige Bewegungen zu durchkämmen als auch die Einreisen der vergangenen Tage so weit wie möglich zu rekapitulieren. Schon in den vergangenen Jahren waren Dutzende von Islamisten nach Deutschland eingesickert, die eine Ausbildung in den Terrorcamps unter anderem in Pakistan durchlaufen hatten. Nun sollen besonders gefährliche Islamisten unterwegs sein.

Dem Vernehmen nach richtet sich die Fahndung insbesondere auf eine Terrorzelle aus bis zu vier Männern mit pakistanisch-indischem Hintergrund. Daneben sollen mehrere Islamisten mit syrischem und marokkanischem Hintergrund bereits durch Europa reisen. Als mögliches Anschlagsszenario wird eine spektakuläre Tat nach dem Beispiel des Terroranschlags im indischen Mumbai genannt. Dort hatten Ende November 2008 Terroristen zwei Luxushotels unter ihre Kontrolle gebracht. Am Ende waren 160 Menschen getötet worden.

Dazu sind kleine Terrorzellen nicht in der Lage. Sie brauchen Verstärkung. Der Kreis der "Schläfer", die hinter unverdächtiger Fassade auf ihren Einsatz warten, wird in Deutschland auf rund 100 geschätzt. Die meisten der intern bekannten "Gefährder" hat die Polizei im Blick. Und deshalb war auch die jüngste Erkenntnis eines von de Maizières alarmierenden Puzzlesteinen: Einige Gefährder sind offenbar untergetaucht.

(Rheinische Post)