Berlin: Der Spagat eines Ostbeauftragten

Berlin: Der Spagat eines Ostbeauftragten

Linkenpolitiker Matthias Höhn will vor allem die AfD-Wähler zurückholen.

Es klingt wie ein "weißer Schimmel": Die Linke, Nachfolgepartei der SED, im Osten Volkspartei und in drei ostdeutschen Ländern in Regierungsverantwortung, hat in ihrer Bundestagsfraktion einen Ostbeauftragten. Frisch und einstimmig in das Amt gewählt ist Matthias Höhn, Neuling unter den Parlamentariern, aber kampferprobt in der Partei. Fünf Jahre war er Bundesgeschäftsführer, im November trat er wegen Querelen zwischen dem Partei- und dem Fraktionsvorstand entnervt zurück.

Jetzt soll sich der 42-Jährige um den Osten kümmern. Bei aller Problematik der Deindustrialisierung nach der Wende, der Abwanderung junger Menschen auf der Suche nach Arbeit und der von der Linken empfundenen Ignoranz der Bundesregierung gegenüber dem Osten muss sich Höhn noch um eine besonders komplizierte Baustelle kümmern: die AfD. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt verlor die Linke die meisten Wähler an die AfD. Bei der Bundestagswahl im Herbst waren es 400.000 bundesweit. Kommt es zur großen Koalition, ist die AfD stärkste Oppositionspartei - das war zuletzt die Linke, die bei der Wahl noch zulegte: von 8,6 auf 9,2 Prozent.

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Wie ist das zu erklären, dass Wähler in Ostdeutschland von ganz links nach ganz rechts wandern? Höhn sagt: "Der Osten ist etwas Besonderes. Wer hier nicht den Mauerfall, die anfänglichen Hoffnungen und dann die absoluten Enttäuschungen erlebt hat, kann das vielleicht nicht so nachvollziehen." Viele Ostdeutsche fühlten sich entwertet. Natürlich habe die Linke schon immer auch Protestwähler an sich gezogen - gegen die SPD, gegen die Etablierten. "Und irgendwann war es einigen von ihnen zu wenig, dass die Linke auf Bundesebene kaum etwas verändern kann, weil sie keine Machtperspektive hat, um etwas durchzusetzen. Es fehlt vielen das Erfolgserlebnis." Aus Protest nicht die Linke, sondern mal die AfD zu wählen, sei für viele verlockend gewesen. Das bedeute nicht, dass das plötzlich alles Rechtsradikale seien.

Viele Ostdeutsche hätten herbe Umwälzungen ausgehalten, auf die Gewinnerseite seien sie nicht gekommen. "Ostdeutsche besitzen, verdienen und vererben weniger als Westdeutsche." Im geplanten Bundeskabinett seien Ostdeutsche Mangelware, und im Koalitionsvertrag gebe es keine Agenda für den Osten. Höhn sagt, werde da nicht gegengesteuert, schreite die Entfremdung voran.

(kd)