Kolumne Hier In Nrw: Der Solinger Familie Genç gebührt Respekt

Kolumne Hier In Nrw : Der Solinger Familie Genç gebührt Respekt

Der Brandanschlag von 1993 brachte unsägliches Leid über die türkischstämmige Familie. Doch sie erlag nicht der Versuchung, Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen.

Es ist 20 Jahre her, dass in Solingen bei einem Brandanschlag fünf Menschen ums Leben kamen. Aus Fremdenhass hatten vier Männer das Haus der türkischstämmigen Familie Genç angezündet. Für drei Mädchen und zwei junge Frauen kam jede Hilfe zu spät. Als der damalige Ministerpräsident Johannes Rau ("Versöhnen statt spalten") von dem brutalen Anschlag erfuhr, dachte er an Rücktritt, wie er Jahre später kundgetan hat. Sein Entschluss, im Amt zu bleiben, war weise. Andernfalls hätten sich die Täter (die inzwischen ihre langjährigen Haftstrafen verbüßt haben) womöglich noch damit gebrüstet, einen Spitzenpolitiker zu Fall gebracht zu haben.

Es war eine schlimme Zeit damals für alle, die nach den Exzessen von Hoyerswerda (1991), Rostock und Mölln (beide 1992) geglaubt hatten, dass endlich wieder Vernunft und Besonnenheit in Deutschland eingekehrt seien und ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft möglich sei. Solingen war ein herber Rückschlag. Das Bild von dem Haus mit dem ausgebrannten Dachstuhl trug eine schlimme Botschaft in die Welt.

Unsägliches Leid kam über die Familie Genç, die damals bereits seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebte. Schmerz und Trauer über den Verlust ihrer Lieben werden sie ein Leben lang begleiten. Doch Hass und Rachegefühle gegen "die" Deutschen kamen bei ihnen nicht auf.

Von Anfang an reagierten die Eltern mit bewundernswerter Umsicht. Sie erlagen nicht der Versuchung, Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen. Die Familie entschied sich sogar, in Solingen wohnen zu bleiben, obwohl der Name der Stadt für immer mit dem Tod ihrer beiden Kinder, der zwei Enkelinnen und der Nichte in Verbindung stehen wird.

"Solingen ist meine Heimat", sagt die Mutter, Mevlüde Genç. Sie ist eine tapfere Frau. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hat die 70-Jährige jetzt über ihre Gefühle gesprochen: "Ich habe fünf meiner Kinder an einem Tag verloren und am selben Tag in Särge gelegt. Ich habe nachts geweint und mich tagsüber um meine anderen Kinder gekümmert. Ich habe meine Tränen nicht gezeigt."

Die Familie Genç ist zu Recht vielfach geehrt worden. Zum traurigen 20. Jahrestag des Anschlags wird es gewiss weitere Auszeichnungen geben. Der Familie Genç und ihrem generösen Verhalten, das so gar nicht in das dumpfe Denken verbohrter Zeitgenossen passt, gebührt in der Tat unser aller Respekt. Die Familie lehrt uns, wie weit Versöhnung gehen kann.

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(RP)
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