Naypyidaw: Der Papst und das R-Wort

Naypyidaw: Der Papst und das R-Wort

Franziskus spricht in Myanmar anders als jüngst im Vatikan die Verfolgung der muslimischen Rohingya-Minderheit nur indirekt an. Sein eigener Kardinal hatte ihn vor zu viel Offenheit gewarnt.

Das R-Wort nahm er nicht in den Mund. Dennoch hat Papst Franziskus auf seiner Reise in Myanmar die Achtung der Menschenrechte angemahnt. In seiner ersten offiziellen Ansprache in dem südostasiatischen Land forderte der Papst die Achtung der Würde und der Rechte "jeder ethnischen Gruppe und ihrer Identität". Franziskus mahnte bei seinem Zusammentreffen mit Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi zudem zum "Aufbau einer gesellschaftlichen Ordnung in Versöhnung und Inklusion".

Die Volksgruppe der Rohingya erwähnte Franziskus in seiner Rede vor Politikern, Diplomaten und Vertretern der Zivilgesellschaft in der Hauptstadt Naypyidaw nicht explizit. Charles Bo, der einzige Kardinal des Landes, hatte sich in den Tagen vor der Reise an den Papst gewandt und ihn ausdrücklich gebeten, die Volksgruppe aus Sorge vor zusätzlichen Repressionen durch das Militär nicht direkt anzusprechen. Die muslimische Minderheit wird im buddhistisch geprägten Myanmar seit Jahrzehnten unterdrückt. Erstmals besucht in dieser Woche der Papst das Land, das sich seit sechs Jahren in einem Demokratisierungsprozess befindet. Die Rohingya-Krise gilt als schwere Belastungsprobe für diese Entwicklung.

Von Menschenrechtlern gab es Kritik am Verhalten des Papstes. "Die Leugnung der ethnischen Identität hat einen entmenschlichenden Effekt, und die internationale Gemeinschaft sollte da nicht mitspielen", sagte Matthew Smith von der Organisation Fortify Rights: "Dieses Volk hat Massaker in den letzten Wochen erlebt."

Ende August waren mehr als 600.000 Rohingya nach Bangladesch geflohen, das Franziskus ab morgen für drei Tage besuchen will. Dort soll es am Freitag bei einem interreligiösen Treffen zu einer Begegnung mit Vertretern der Volksgruppe kommen. Auslöser der Fluchtwelle im August waren Angriffe von Rohingya-Rebellen auf Soldaten und Polizisten gewesen, bei denen Dutzende Sicherheitskräfte getötet wurden. Myanmars Militär reagierte mit brutaler Gegengewalt. Schon vor Monaten hatte Franziskus im Vatikan mehrfach Partei für "unsere Brüder und Schwestern Rohingya" ergriffen: "Sie wurden gefoltert, ermordet, nur weil sie ihre Traditionen befolgen und ihren islamischen Glauben", sagte Franziskus damals.

Während auch westliche Regierungen die "ethnischen Säuberungen" verurteilten, fürchten Politiker in Myanmar Unabhängigkeitsbestrebungen der staatenlosen Rohingya und anderer Minderheiten. Die Bevölkerung nimmt die kompromisslose Linie des Militärs hin, das trotz des Endes der Diktatur im Jahr 2010 weiterhin bestimmend ist.

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Die Bezeichnung "Rohingya" gilt in Myanmar als Tabu, weil sie nicht nur für das Einfordern staatsbürgerlicher Rechte stehe, sondern auch für separatistische Bestrebungen. Rohingya werden in Myanmar meist als "Bengalen" bezeichnet und als illegale Einwanderer aus Bangladesch angesehen.

Auch Aung San Suu Kyi erwähnte die Volksgruppe in ihrer Rede nicht. Ihre Regierung bemühe sich aber, die Rechte aller Menschen im Land zu schützen, sagte sie. Die Krise im Bundesstaat Rakhine sei eine der "vielen Herausforderungen, vor denen unsere Regierung steht".

Zuvor hatte Franziskus bei einem interreligiösen Treffen mit Buddhisten, Muslimen, Hindus, Christen und Juden zu Toleranz gemahnt: "Wir müssen unsere ethnischen, religiösen und volkstümlichen Verschiedenheiten als Bereicherung verstehen und aus diesen Unterschieden den Dialog entwickeln." Gleich nach seiner Ankunft war Franziskus überraschend mit General Min Aung Hlaing, dem Militärchef des Landes, zu einem informellen Gespräch zusammengekommen. Der General teilte danach mit, er habe dem Papst gesagt, dass es in Myanmar keine religiöse und ethnische Diskriminierung gebe.

Für heute ist der erste öffentliche Gottesdienst des Papstes in Myanmar vorgesehen. Anschließend soll Franziskus mit buddhistischen Mönchen und später mit den katholischen Bischöfen des Landes zusammenkommen.

(RP)