Analyse: Der missbrauchte Islam

Analyse : Der missbrauchte Islam

Ein einfaches, aber falsches Weltbild hat derzeit mächtig Auftrieb: Der demokratiefeindliche, gewalttätige Islam habe die Politik fest im Würgegriff. Das Gegenteil ist richtig: Die Religion ist Beute politischer Banditen geworden.

Es scheint so etwas wie ein Allheilmittel für die ach so dummen Muslime zu sein. An allen Ecken des politischen Spektrums wird es derzeit feilgeboten: Der Islam brauche eine Aufklärung, ist zu lesen oder zu hören, die Politik müsse sich aus dem Würgegriff einer gewaltversessenen Religion befreien. In dem Rat, der meist aus Europa oder Amerika kommt, schwingt stets der Unterton mit: Macht es wie wir! Wir wissen, was gut für euch ist!

Der Anlass ist verstörend: die bestialischen Gräuel des "Islamischen Staats" in Nahost und die antisemitischen Pöbeleien von Muslimen bei Demonstrationen in Deutschland. Die empörenden Szenen bestätigen vielen ihre alte Vermutung: Das also ist die hässliche Fratze des Islam, eines immer noch mittelalterlichen Wüstenkults mit einer blutrünstigen heiligen Schrift. Welch ein Unterschied zu unseren pazifistischen, rationalen, angeblich tief christlich geprägten Gesellschaften im Westen.

Das ist ein einfaches, angstgetriebenes Weltbild. Es ist nur, wie die meisten einfachen, angstgetriebenen Weltbilder, falsch. Schon deshalb, weil es aus gewalttätigen Koran-Zitaten und Untaten einer Splittergruppe das Bild einer im Ganzen gewalttätigen Religion montiert. Das funktioniert mit einem Blick in die Bibel genauso - und ist genauso unsinnig. Zwei tiefere Missverständnisse stecken in der Klage über die angebliche Rückständigkeit des Islam: Sie missversteht das europäische Modell als Blaupause, und sie ignoriert die Entwicklungsgeschichte des Islam.

Aufklärung, das Vertrauen auf Vernunft eher als auf Tradition, entsteht nicht im Schoß der Religionen, sondern im Streit mit ihnen. In Europa wurde sie der Kirche, vor allem dem Papsttum, und den absolutistischen Monarchen abgetrotzt. Sogar mit Gewalt: Demokratie und einklagbare Menschenrechte sind nicht zuletzt Früchte der Französischen Revolution, die Terror im Namen der Vernunft übte und Kathedralen zu Pferdeställen machte.

Selbst in solcherart blutig aufgeklärten Gesellschaften aber gehört zur Religion ein sozusagen unaufgeklärter Rest. Kants Ruf "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" ist nicht generell unvereinbar mit Religion - aber er bricht sich an der Frage, ob der Einzelne an Gott glaubt oder nicht.

Immerhin ist die Antwort dem Einzelnen überlassen. Das Christentum hat gelernt, sich dem Verfassungsstaat einzufügen. Das geschieht nicht ohne Verwerfungen, weil auch die Kirchen politische Akteure sein wollen und ihr Deuttungsanspruch über theologische Nabelschau hinausgeht. Umgekehrt bringen solche Reibungen den demokratischen Prozess erst auf Betriebstemperatur. Daher ist es aber sinnlos, dem Islam seinen Anspruch auf den ganzen Menschen vorzuhalten: Eine solche Ganzheitlichkeit ist Kennzeichen jeder Religion. Für die Demokratie kann sie ein Gewinn sein.

Der Islam braucht keine Aufklärung, weil er sie längst hinter sich hat. Im Mittelalter war die islamische Welt Heimstätte von Zivilisation und Fortschritt, sie ließ Philologie und Astronomie, Medizin und Mathematik aufblühen. Deshalb stößt sogar liberalen Muslimen die Debatte auf. Etwa der Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor: "Die Forderung, der Islam brauche eine Aufklärung, geht am Kern des Problems vorbei", sagt sie. "Die Vorstellung, auch andere Regionen und Religionen kämen auf diesem Weg zu einer ,Modernisierung', ist zu einfach."

Kaddor verweist auf den vernunftfreundlichen Islam, der sich nicht habe behaupten können: "Leider hat sich im Mittelalter die Lehrmeinung durchgesetzt, der Tradition mehr zu vertrauen als der Vernunft - und danach ging es mit der islamischen Blütezeit dann ja auch schnell vorbei." Nötig sei eine Rückbesinnung, eine theologische, gesellschaftliche und politische Querschnittsaufgabe: "Islamkritiker haben ja nicht in allem unrecht - die enge Verbindung zwischen Religion, Recht und Politik in den islamischen Staaten beispielsweise ist problematisch."

Kern des Missverständnisses vom angeblich unterentwickelten Islam ist ein falsches Bild vom Islamismus. Der nämlich ist nicht in erster Linie eine religiöse Bewegung, sondern eine weltliche. Er entstand vor 100 Jahren als Reaktion auf die machtpolitische, aber auch wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit der muslimischen Welt gegenüber dem expandierenden Westen. Kaddor definiert ihn als "eine politische Ideologie, die die Religion missbraucht, um politische Ziele zu verfolgen".

Der Schlachtruf der Islamisten damals wie heute lautet: Besinnt euch auf die Wurzeln des Islam, damit ihr politisch wieder zu Kräften kommt. Diese Wurzeln aber sind andere, als Kaddor sie meint - Islamisten behaupten, Prinzipien des 7. Jahrhunderts seien auf 2014 übertragbar. Damals war der Religionsstifter Mohammed auch Feldherr. Die Maximen des islamistischen Staats fasst der Soziologe Armin Pfahl-Traughber zusammen: Ablehnung von Pluralismus, Menschenrechten, Individualismus, Säkularität und Volkssouveränität, Einheit von Religion und Staat.

Einen Entwicklungsschub erlebten die Islamisten bezeichnenderweise nach 1967, als der Sechstagekrieg gegen Israel die militärische Unterlegenheit und die politische Zerrissenheit der säkularen arabischen Staaten offenbarte. In den 80er und 90er Jahren schließlich entdeckten die Islamisten den Dschihad neu für sich, den angeblich heiligen Krieg gegen die "Ungläubigen", und das heißt heute vor allem: Amerika und seine Verbündeten. Die Resultate sind am Ground Zero in New York, in Afghanistan und jetzt im Irak zu besichtigen.

Dem Islamismus ist deshalb in erster Linie politisch zu begegnen - und mit einer neuen Theologie, die den Koran als von seiner Zeit geprägte Schrift versteht, die interpretiert werden soll und darf. Das geht ohne jede religionsfeindliche Attitüde, wie Europa sie in der Aufklärung erlebt hat und in seinen zunehmend entchristlichten Gesellschaften erlebt; das geht aber nicht ohne eine harte Auseinandersetzung.

Von Regimen wie in Syrien, Ägypten und im Iran ist dabei freilich keine Hilfe zu erwarten. Denen nützt der Islamismus viel zu sehr - als Feindbild nach außen oder als Instrument der Unterdrückung nach innen. Kaddor setzt daher auf Impulse aus dem europäischen Islam und eine Art interreligiöse Allianz der Gemäßigten: "Die wahre Konfliktlinie verläuft nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern zwischen religiösen Ideologen und Säkularen."

Im Nahen Osten befindet sich nicht die Politik im Würgegriff der Religion. Das Gegenteil ist richtig. Der Islam muss aus der fatalen Umklammerung durch die Islamisten befreit werden.

(RP)
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