Istanbul: Der Kampf um die Kurdenstadt Kobane

Istanbul : Der Kampf um die Kurdenstadt Kobane

Die westliche Allianz fliegt im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) erstmals Luftangriffe an der syrisch-türkischen Grenze. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht in die Türkei.

Die Kämpfe zwischen kurdischen Verbänden und der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) um die nordsyrische Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei halten an. Kurdentrupps sprengten gestern ein gepanzertes Fahrzeug des IS östlich von Kobane in die Luft, drängten die Angreifer zurück und töteten 14 IS-Kämpfer, wie das Hauptquartier der Kurden gestern mitteilte. Mindestens elf Granaten seien im Westen der Stadt eingeschlagen. Insgesamt sollen fast 90 Menschen ums Leben gekommen sein. Zudem griffen amerikanische und arabische Kampfjets zum ersten Mal Stellungen des IS bei Kobane an. Zwei Stellen seien aus der Luft attackiert worden, sagte eine Kommandantin der Kurdeneinheiten.

Nach Medienberichten haben die Kurden die Extremisten an einigen Teilen der Front zurückdrängen können. Videos im Internet zeigten mutmaßliche Kurdenkämpfer, die mit Panzerabwehrraketen des Typs "Milan" gegen den IS vorgingen. Über die Echtheit der Aufnahmen war zunächst nichts bekannt. Deutsche "Milan"-Raketen sollen an die nordirakischen Kurden geliefert werden, jedoch nicht an die kurdischen Einheiten in Syrien. Auch in Cizire, einem weiteren Kurdengebiet an der Grenze östlich von Kobane, haben laut kurdischen Angaben neue Angriffe des IS begonnen. Die Dschihadisten rücken in diesen Gebieten vor, um ihr Machtgebiet zu vergrößern und die Grenze zur Türkei unter ihre Kontrolle zu bekommen.

In Kobane und Cizire verteidigen die Kurden ihre Autonomiegebiete, die sie in den vergangenen Jahren im Machtvakuum des syrischen Bürgerkrieges errichten konnten. Die bestimmende politische Kraft bei den syrischen Kurden, die Demokratische Unions-Partei sowie die Kurdenmiliz Volks-Schutzeinheiten gelten als syrische Ableger der türkisch-kurdischen Rebellengruppe Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und werden deshalb von der Türkei mit erheblicher Skepsis betrachtet. Die Türkei ist besorgt, dass die PKK vom Kampf gegen den IS im Irak und Syrien profitieren könnte.

Nach kurdischen Angaben belässt es Ankara nicht bei einer skeptischen Beobachtung, sondern geht wesentlich weiter. PKK-nahe Medien werfen der Türkei vor, den IS für die Schlacht um Kobane mit Waffen beliefert und Kurdenkämpfer auf der syrischen Seite der Grenze beschossen zu haben. Zudem blockierten die türkischen Behörden den Nachschub für die syrischen Kurdenkämpfer aus der Türkei. Türkische Sicherheitskräfte hinderten zeitweise hunderte Kurden daran, bei Kobane aus der Türkei kommend die Grenze nach Syrien zu überqueren, um sich den Kämpfen gegen den IS anzuschließen. Die türkischen Soldaten gaben den Weg schließlich frei.

Enver Müslüm, Chef der kurdischen Selbstverwaltung in Kobane, sagte der türkischen Tageszeitung "Evrensel", dass rund 60 000 Menschen aus dem Gebiet in die Türkei geflohen seien. Die offizielle Zahl der türkischen Behörden liegt hingegen bei mehr als 160 000.

Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist an der Grenze bei Kobane präsent. UNHCR-Sprecherin Selin Ünal betonte, die erste Welle der Flüchtlinge sei über neun verschiedene Grenzübergangsstellen in die Türkei geströmt. Die meisten seien jedoch seitdem geschlossen. "Wenn wir mit den Flüchtlingen reden, sagen sie uns, dass in Kobane nicht mehr sehr viele Leute übrig sind", sagte Ünal. Viele Flüchtlinge kämen bei Verwandten oder Bekannten auf der türkischen Seite unter, andere würden in eilig errichteten Zeltstädten untergebracht.

Ankara hatte sich vor wenigen Tagen nach langem Zögern zur Teilnahme an der internationalen Allianz gegen den IS bereiterklärt. Türkische Regierungspolitiker fordern aber, die Allianz solle auch gegen die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al Assad vorgehen. Außerdem dringt Ankara auf die Einrichtung der Schutzzonen auf syrischem Gebiet. Das türkische Parlament will morgen über ein Entsendegesetz für einen Einsatz der Armee in Syrien beraten.

(RP)
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