Analyse: Der Kampf um den Nordpol

Analyse : Der Kampf um den Nordpol

Dänemark erhebt Anspruch auf ein riesiges Gebiet in der Arktis. Aber auch Russland, Kanada, Norwegen und die USA stecken ihre Claims ab. Es locken Bodenschätze und neue Schifffahrtsrouten, die das schmelzende Eis freigibt.

Das kleine Dänemark hat in den vergangenen Jahren mindestens 45 Millionen Euro für die Ausrüstung verschiedener Arktis-Expeditionen ausgegeben - womöglich sehr gut angelegtes Geld. Denn die Arbeit der Wissenschaftler an Bord der dänischen Eisbrecher dient vor allem der juristischen Beweisführung: Dänemark glaubt nun anhand geologischer Daten eindeutig belegen zu können, dass es Anspruch auf rund 900 000 Quadratkilometer des Gebiets rund um den Nordpol hat. Dort werden sagenhafte Bodenschätze vermutet. Zu Wochenbeginn präsentierte das nordische Königreich der UN seine konkreten Territorialforderungen.

Das Ringen um den Nordpol ist in vollem Gange. Denn in der Arktis ist längst ein neuer Goldrausch ausgebrochen. Nach Schätzung von US-Geologen lagert in dem Gebiet rund ein Viertel der bislang unentdeckten Öl- und Gasvorräte, mit denen man die komplette Weltwirtschaft mindestens drei Jahre lang versorgen könnte. Dazu kommen Gold, Zink, Kupfer, Eisenerz und zahlreiche seltene Mineralien sowie bislang unerreichbare Fischgründe. Noch gibt es in der Arktis keine kommerzielle Ölförderung. Aber in Russland etwa stehen die Staatskonzerne Gazprom und Rosneft in den Startlöchern. In Kanada haben unter anderem BP, Exxon und Imperial Oil ihre Ansprüche gesichert und haben bereits geologische Tests unternommen.

Kritiker warnen jedoch vor katastrophalen Öl-Unfällen, vergleichbar mit der Explosion der Plattform "Deep Water Horizon" 2010 im Golf von Mexiko. Damals waren fast 800 Millionen Liter Öl ins Meer geströmt. Zwar haben die im Arktischen Rat zusammengeschlossenen Anrainer-Staaten im vergangenen Jahr über Notfallpläne für den Fall einer Ölpest verhandelt, aber Umweltschützer würden am liebsten jede Ausbeutung der Vorkommen untersagen lassen. Doch das scheint kaum realistisch angesichts der nationalen Begierden.

Lange galten die Bodenschätze im ewigen Frost als unerreichbar, aber die Lage hat sich verändert, seit die Erderwärmung immer größere Teile der Eiskappe am Nordpol schmelzen lässt. Nebenbei öffnen sich auch neue Schifffahrtswege. Klimaforscher schätzen, dass schon in 20 bis 50 Jahren große Teile des Nordpolarmeeres im Sommer völlig eisfrei sein könnten. Schon haben erste Frachter in den Sommermonaten die Nordwest-Passage benutzt, die die Distanz zwischen Asien und Europa nahezu halbiert.

Das Tauwetter in der Arktis hat die Region zu einem geopolitisch bedeutsamen Faktor gemacht. Und das schürt Rivalitäten. Denn die Frage, wem die Arktis gehört, ist ungeklärt. Da es bisher keine internationale Einigung über die territoriale Aufteilung des Gebiets gibt, gilt die UN-Seerechtskonvention. Ihr zufolge dürfen Staaten innerhalb einer Zone von 200 Seemeilen (rund 370 Kilometern) vor ihren Küsten die natürlichen Ressourcen ausbeuten. Kompliziert wird es dadurch, dass diese Zone vom Kontinentalsockel weg gemessen wird. Und wie weit der jeweils ins Meer hinausragt, darüber kann man trefflich streiten. Schon 1980 richtete die UN eine Kommission für die Überprüfung der Seegebietsansprüche ein. Diese Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels wird irgendwann auch über die nationalen Ansprüche auf die Arktis entscheiden müssen.

Deswegen sammeln die Dänen so eifrig geophysikalische Daten - und nicht nur sie. Die Regierung in Kopenhagen begründet ihren Anspruch auf ein ordentliches Stück vom Arktis-Kuchen damit, dass das unterseeische Lomonossow-Gebirge, das sich weit unter den Nordpol erstreckt, mit dem Kontinentalsockel von Grönland verbunden ist. Und Grönland gehört nun einmal zu Dänemark. Die Russen sind ihrerseits davon überzeugt, dass der Lomonossow-Rücken auch mit dem russischen Festland verbunden ist. 2007 ließen Polarforscher im Auftrag des Kreml öffentlichkeitswirksam ein U-Boot auf den mehr als 4200 Meter tiefen Boden des Eismeeres sinken, um dort eine russische Fahne aus Titan zu verankern. Sie soll den Anspruch Russlands auf 1,2 Millionen Quadratkilometer in der Arktis symbolisieren. Woraufhin die Kanadier lauthals protestierten: "Die Arktis ist kanadisch", stellte der damalige Außen- und heutige Verteidigungsminister Peter MacKay fest. "Sie ist unser Eigentum." Auch die Kanadier haben längst ein dickes Dossier bei der UN-Kommission hinterlegt und haben Unsummen in Forschungsexpeditionen gesteckt, deren Ergebnisse ihre territorialen Ansprüche geologisch wie historisch untermauern sollen.

Neben Dänen, Russen und Kanadiern rangeln auch Norweger und Amerikaner um einen möglichst großen Anteil am vermuteten Eldorado im Eis. Noch ist es vor allem ein Streit der Wissenschaftler und Völkerrechtsspezialisten, aber auch die Militärs bringen sich in Stellung. Erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten tauchten im vergangenen Jahr wieder russische Kriegsschiffe in der Arktis auf. Mehrere seit dem Ende des Kalten Krieges aufgegebene Militärstützpunkte wurden wieder in Betrieb genommen, ein eigenes strategisches Zentralkommando für die Arktis wurde ins Leben gerufen.

Für Russlands Präsident Wladimir Putin geht es um nichts Geringeres als "die Kontrolle der gesamten Arktis-Region". Auch die Kanadier haben ihre Truppenpräsenz im ewigen Eis zuletzt verstärkt, und die Amerikaner, obwohl mit potenziell nur geringen Gebietsansprüchen, bereiten sich ebenfalls vor. Im Pentagon arbeiten Spezialisten an diversen Bedrohungsszenarien, die sich für die USA ergeben könnten, wenn die Arktis zu einem neuen geopolitischen Brennpunkt wird.

(RP)
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