Der geschäftstüchtige Mr. Blair

Der geschäftstüchtige Mr. Blair

Der ehemalige britische Premierminister und Labour-Chef verdient als Redner Millionen. Wirbel lösten Gerüchte aus, Blair wolle sich als Privatbankier für Superreiche betätigen. Dem Absatz seiner mit Spannung erwarteten Autobiografie dürfte das kaum schaden.

Nichts ist so beständig im Londoner Regierungsviertel wie die Dauerkontroverse um Tony Blair (57). Während seiner zehnjährigen Amtszeit innig geliebt und von Herzen gehasst, spaltet der frühere Premier auch heute noch Großbritannien, das mit Spannung seine Autobiografie mit dem Titel "A Journey" (Ein Weg) erwartet.

Mit einer cleveren PR-Aktion hatte Blair sein Buch drei Wochen vor Verkaufsbeginn am 1. September an die Spitze der Vorverkaufsliste von Amazon katapultiert: Der Autor kündigte an, sein Honorar von fünf Millionen Pfund für den Bau einer Reha-Klinik für Kriegsveteranen spenden zu wollen. Blairs Nachfolger im Amt, Gordon Brown, hat weniger kommerziellen Erfolg. Die Redensammlung "The Change We Choose" des Wahl-Verlierers kauften laut Amazon seit April lediglich 32 Kunden.

Nach zehn Jahren an der Macht musste Tony Blair als Privatmann erst einmal den Umgang mit Handys lernen. Dagegen musste niemand Blair beibringen, wie man das große Geld macht. Zeitgleich mit seinem Arbeitsbeginn als ehrenamtlicher Sondergesandter des Nahost-Quartetts fing der frühere Labour-Chef damit an, mit Vorträgen sechsstellige Summen zu verdienen. So kassierte der pensionierte Premier schon im November 2007 für einen dreistündigen Auftritt in China 230 000 Pfund (280 300 Euro). Bereits ein Jahr später überholte Blair als bestbezahlter politischer Redner den früheren US-Präsidenten Bill Clinton.

Es war dem vierfachen Vater nicht genug: 2008 wechselte er an die Wall Street, um für fünf Millionen Dollar im Jahr die Investmentbank JP Morgan zu beraten. Später nahm er einen ähnlichen Job bei einem Schweizer Versicherungskonzern an. In drei Jahren habe der frühere Regierungschef ein Vermögen von 20 Millionen Pfund (24 Millionen Euro) gemacht, spekuliert der "Guardian". So unsympathisch den meisten Briten die Geschäftemacherei des früheren Sozialdemokraten ist, sie haben sich an immer neue Enthüllungen um den "gierigen Blair" gewöhnt. Dennoch sorgten jetzt die Berichte über seine exklusive Investmentbank für Aufregung in London.

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Nach Angaben der "Sunday Times" hat die Beraterfirma Tony Blair Associates (TBA) die Lizenz der Finanzaufsicht FSA erhalten, für erlesene Privatkunden Geldgeschäfte aller Art tätigen zu können. Blairs angebliche "Bank für Superreiche" darf unter anderem in den Steuerparadiesen Liechtenstein und Gibraltar agieren. "Die Haut dieses verlogenen Anwalts muss so dick sein wie die eines Nashorns": Dieser Kommentar im Internetforum der "Daily Mail" gehörte gestern noch zu den milderen Reaktionen der Briten auf Blairs neues Finanzprojekt. Ein Sprecher wies die Berichte als "dumm und absurd" zurück. TBA habe die FSA-Lizenz nur beantragt, um sich abzusichern, heißt es in London. Der Ex-Premier plane keine Investmentgeschäfte für Superreiche, versichern Quellen in seiner Umgebung.

Es ist unklar, ob die Kontroverse um Blairs Bank die Vermarktung seiner Autobiografie belasten könnte. Möglicherweise wird sie sogar die Verkaufszahlen nach oben treiben. Mit seiner millionenschweren Spende an die Organisation Royal British Legion hatte der zum Katholizismus konvertierte Ex-Premier sein neuestes Werk in Großbritannien bekanntgemacht.

Wie so oft gab es Lob und Tadel für Blair, der die Briten 2003 in den Irak geführt hat: Während sich die Veteranen über das Geschenk freuen, halten es seine Kritiker für "pervers", dass Blair den Soldaten helfen will, die an den Folgen seiner Politik leiden müssen.

Der Inhalt von "A Journey" ist geheim. Nur so viel ist bekannt: Als "ein langer Liebesbrief" Blairs an Ex-Präsident George W. Bush verteidigt dieses Buch angeblich konsequent die US-Politik und den umstrittenen Krieg im Irak. "Tony nennt Bush einen hochintelligenten und weitsichtigen Freund und er bewundert dessen Mut", verriet am Wochenende ein anonymer Mitarbeiter des ehemaligen Regierungschefs der Zeitung "News of the World".

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