Analyse Der Fels der Kirche – warum das Papsttum lebt

Dass die katholische Weltkirche fast 2000 Jahre überdauert hat, liegt nicht an ihrem Willen zum Festhalten, sondern an ihrer Reformfähigkeit.

In die Basilika Sankt Paul vor den Mauern kommen viele Romreisende nicht nur, weil sie zu den vier päpstlichen Hauptkirchen gehört, deren Besuch nach katholischer Lehre mit einem Ablass zeitlicher Sündenstrafen verbunden ist. Sankt Paul ist auch wegen einer Kuriosität berühmt: An den Wänden sind Medaillons mit Namen und Porträts aller Päpste angebracht. In Rom heißt es, die Welt gehe unter und das Papsttum mit ihr, sobald der letzte freie Platz gefüllt sei.

Es ist vielleicht das reizvollste, wenn auch nur eines unter vielen kirchlichen Untergangsszenarien. Sie sind weder neu noch eine Sache der Vergangenheit, auch nicht 2013, am Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus. Glaubwürdigkeitsverlust, Priestermangel, Realitätsverweigerung lauten die Stichworte.

Besonders realistisch freilich sind solche Prognosen nicht. Denn Krise hin, Krise her: Die katholische Kirche steht auch im dritten Jahrtausend vor den Augen der Welt wie ein Fels – jener Fels, zu dem ein einfacher Fischer aus Galiläa werden sollte. "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen": In zwei Meter hohen Lettern steht diese Zusage Jesu in der Kuppel des Petersdoms.

Die Kirche steht, auch wenn sie wankt, auch wenn Teile des Gebäudes in Trümmern liegen, auch wenn in Seitenflügeln allzu oft Widerwärtiges zutage tritt. Dass das Papsttum lebt, liegt nicht am Festhalten an Überkommenen, sondern an Anpassung. Lebensversicherung der Papstkirche war stets ihre Reformfähigkeit – auch wenn die zwei Begriffe Europäern heute schwer in einem Atemzug von den Lippen gehen.

In den vergangenen 1000 Jahren war die römische Kirche dreimal mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert: im Mittelalter mit der Gefahr, sich in byzantinischer Korruption zu verlieren, in der frühen Neuzeit mit der Reformation, im 19. Jahrhundert mit dem Zusammenbruch ihrer weltlichen Macht. Aus allen drei Krisen ging sie innerlich gestärkt hervor.

Dass – erstens – Kirchenämter käuflich sind, ist heute unvorstellbar. Um 1000 ist es weit verbreitet. Die Päpste des 11. Jahrhunderts verdammen das als Ketzerei, getragen vom Geist der klösterlichen Reformbewegung, die von Cluny in Burgund ausging. Sie nutzen die Neubesinnung, sich zu ganz neuen Höhen aufzuschwingen: 1075 fordert Gregor VII. im "Dictatus Papae", "dass alle Fürsten nur des Papstes Füße küssen". Der Preis ist zum einen der Bruch mit der Orthodoxie, zum anderen ein verbissener Machtkampf mit den Kaisern.

Dass – zweitens – die päpstliche Autorität sich komplett verflüchtigt, scheint im 16. Jahrhundert vor der Tür zu stehen. Luthers heiliger Zorn geht in einer widersprüchlichen Zeit über der Kurie nieder: Während sich im Katholizismus neue Frömmigkeitsformen verbreiten, schicken sich die Päpste an, den Kirchenstaat zur Erbmonarchie, zur familiären Verfügungsmasse zu degradieren. Den römischen Prunk, etwa den Bau des Petersdoms, finanzieren sie auch durch Ablasshandel. Alexander VI. Borgia, 1492 gewählt, hat eine Mätresse und vermutlich neun Kinder, darunter einen Sohn, der als Kardinal und Condottiere erobernd durch Italien zieht, auf der Suche nach einem schönen Fürstentum.

Roms Reaktion auf die Reformation ist die größte katholische Umwälzung vor dem 20. Jahrhundert. Die Päpste vereinheitlichen den Gottesdienst, verbessern die Priesterausbildung, starten eine Bildungsoffensive vor allem in evangelischen Gegenden, sanktionieren ein halbes Dutzend neuer Orden und entfalten in Architektur, Malerei und Musik eine sinnlich erlebbare, "barocke" Formensprache. Erkauft wird die neue Vitalität des Katholizismus mit mörderischen Religionskriegen.

Dass – drittens – der Pontifex heute nur noch über einen Zwergstaat gebietet, der so groß ist wie ein mittlerer Bauernhof, hat das Papsttum paradoxerweise gestärkt. Schon Napoleon hat 1798 Pius VI. nach Frankreich verschleppt und den Kirchenstaat für drei Jahre suspendiert; die Italiener erobern 1870 Rom und machen es zur Hauptstadt ihres Nationalstaats. Es dauert ein halbes Jahrhundert, bis die Päpste den Schmollwinkel verlassen, und 30 weitere Jahre, ehe Johannes XXIII. die Kirche mit einem neuen Konzil der Welt öffnet.

Seither hat sich das Gesicht des Katholizismus verändert wie in 500 Jahren zuvor nicht. Die Messe wird in der Landessprache gelesen, und zwar in Worten des 20. Jahrhunderts und mit dem Gesicht zum Volk; die höfische Pracht im Vatikan ist auf dem Rückzug (Papstkrone und Tragesessel sind abgeschafft, und in den berühmt-berüchtigten roten Schuhen hat man Franziskus noch nicht gesehen); die Kurie wandelt sich unter Schmerzen zu einer modernen Verwaltung; Rom vertritt einen radikalen Pazifismus; die Kirche hat sich mit ihren Hilfswerken und in der Alltagsarbeit zur Stimme der Armen gemacht und zieht daraus einen Gutteil ihres sozialen Kredits; die katholische ist zur Weltkirche gewachsen, wie es ihr Name ("katholisch" bedeutet "allgemein") nahelegt.

Man mag daran Hoffnungen knüpfen: Gut möglich, dass sich diese Veränderung unter dem franziskanischen Jesuiten Bergoglio noch beschleunigt. Wer von Reformstau spricht und damit für Minderheiten der Weltkirche (wie die Europäer) drängende Probleme wie Pflichtzölibat, Frauenpriestertum und Sexualmoral meint, der übersieht oft diese Neuerungen, deren jede schon einer Revolution gleichkommt.

Auch in Sankt Paul vor den Mauern hat man übrigens gehandelt, nachdem zwischenzeitlich nur noch eine Handvoll Medaillons frei war. Jetzt ist wieder Platz für zwei Dutzend neue Päpste. Der Untergang ist einstweilen abgesagt.

(RP)
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