Das Modewort zur Zeit Warum heute vieles „toxisch“ ist

Analyse · Männer, Beziehungen, Arbeitsklima – alles mögliche wird heute als „toxisch“ bezeichnet. Woran das liegt und was es über unsere Gesellschaft verrät.

 Die Bezeichnung „toxisch“ wird gerade in vielen Bereichen angewandt.

Die Bezeichnung „toxisch“ wird gerade in vielen Bereichen angewandt.

Foto: Illustration: C. Schnettler

Bin ich toxisch? Wer will, kann im Internet den Test machen. Man bekommt dann Fragen gestellt, die zu messen versuchen, wie egoistisch, manipulativ und selbstherrlich sich der Befragte gegenüber anderen verhält. Man muss ziemlich naiv sein, um in diesen Tests schlecht abzuschneiden. Schließlich ist klar, welches Verhalten allgemein erwünscht ist. Aber die Tests geben einen Hinweis darauf, was das eigentlich sein soll: ein toxischer Mensch. Der Begriff dient als Etikett für eine recht vage Sammlung negativer Eigenschaften, die mit übersteigertem Ego, manipulativem Verhalten und der Herabwürdigung anderer zu tun haben. Giftig also für alle, die mit solchen Charakteren zu tun haben.

Doch längst wird der Begriff nicht nur zur Beschreibung schwieriger Typen verwendet, sonder für alles mögliche: Es gibt toxische Männlichkeit, toxische Beziehungen, toxische Arbeitswelten, toxische Strukturen im Sport, toxische Abhängigkeiten am Theater, toxischen Ehrgeiz. Das Gift-Wort wird inflationär herangezogen, um etwas als wirklich schädlich zu brandmarken. Doch scheint das mehr als eine sprachliche Marotte zu sein. Wenn Begriffe in der Sprachpraxis dermaßen Konjunktur haben und in unterschiedlichen Kontexten als griffig und treffend erscheinen, ist es wert, sie näher zu betrachten. Denn anscheinend gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen all den toxischen Problemen unserer Zeit.

Tatsächlich besagt das Adjektiv nicht nur, dass etwas schlecht und schädlich ist – sondern eben giftig. Das besondere an Gift ist, dass es unsichtbar wirkt und Menschen schlimmstenfalls tötet, ehe sie die Ursache entdecken und die Symptome etwa durch Gegengift bekämpfen können. „Toxisch“ bezeichnet also meist etwas, das unbemerkt wirkt. Dabei kann es um Verbindungen zwischen Menschen gehen, Charaktereigenschaften oder gesellschaftliche Strukturen. Das Verborgene ist das Merkmal, das zum Urteil toxisch führt – und es im selben Moment auch schon ein wenig aufhebt. Denn wer etwas als toxisch markiert, hat das Gift ja erkannt, hat die Wirkung entlarvt, stellt es der kritischen Betrachtung aus und nimmt ihm damit schon einen Teil seiner Wirkung. Darum gibt die Verwendung des Begriffs ein Gefühl von Macht. Wer das Etikett verteilt, ist ein Durchschauer und Aufklärer, kein Opfer.

Das macht den Begriff für die Gegenwart so attraktiv. Denn einerseits werden viele Entwicklungen heute mit Tiefenblick betrachtet. Menschen suchen nach verborgenen Mechanismen als Ursache für problematische Erfahrungen. Zu erkennen, wo Gift im Spiel ist und es anderen plausibel darzulegen, gilt als emanzipatorische Leistung. Zudem geht es in vielen aktuellen Debatten um Deutungshoheit. Wer darf feststellen und bewerten, ob ein Verhalten diskriminierend, eine Aussage beleidigend, eine politische Gesinnung aus der Jugend überwunden ist? Wer etwas als „toxisch“ bezeichnet, nimmt sich die Deutungsmacht.

Dass es für diese Art von entlarvender Aufklärungsarbeit Bedarf gibt, zeigt die Flut an Ratgebern etwa über toxische Beziehungen. In den Büchern geht es meist um destruktive Abhängigkeiten zwischen Menschen. Um den einen Partner, der den anderen dominiert, ihn verletzt, ihm schädliches Verhalten aufzwingt und dabei selbst unversehrt bleibt. Wie man destruktive Beziehungen erkennt, an welchem Verhalten sich Manipulationsversuche festmachen lassen, welche Ursachen etwa in der Kindheit es dafür gibt, wird in den Büchern erklärt. Auch Bücher über „toxische Chefs“ oder „toxische Mitarbeiter“ in Teams verfahren nach dieser Erkennungsmethode: Phänomene werden beschrieben, Beispielsituationen geschildert. Immer geht es um „Anzeichen“, darum „was du wissen musst“, um „Warnsignale“ zu erkennen. Viele Titel deklinieren Merkmalskataloge durch, die jeder wie eine Schablone anwenden kann, um etwa die Qualität seiner eigenen Beziehung zu testen. Die Leserschaft soll also Muster sehen lernen, Mechanismen durchschauen und so immun werden gegen das Gift.

Sich mit solchen Strukturen zu beschäftigen, kann sinnvoll sein, wenn man etwa in Beziehungsproblemen steckt, deren Ursachen man nicht versteht. Oder wenn man nach negativen Erfahrungen nicht erneut in ähnliche Probleme geraten will. Oder um Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, ob nun als Führungskraft oder Mitglied eines Teams, möglichst frühzeitig zu begegnen. Natürlich ist das sinnvoll. Allerdings neigen viele Analysen zu „toxischen“ Verhältnissen auch dazu, eindeutige Täter-Opfer-Rollen zu verteilen. Wer in einer toxischen Beziehung steckt, muss die Anzeichen erkennen, die Mechanismen durchbrechen oder die Beziehung „richtig beenden“. Eigener Anteil wird ihm höchsten insofern zugesprochen, als er das zerstörerische Spiel noch unwissentlich mitspielt. Dass gerade in Beziehungen oft beide Seiten ihren Anteil am Scheitern haben und folglich auch beide sich selbst kritisch befragen müssten, kommt oft zu kurz.

Auch in dieser Hinsicht spiegelt der Begriff also die Gegenwart, da er Komplexität reduziert und aus schwer entwirrbaren und vor allem ambivalenten Beziehungsgeflechten, simplere Abhängigkeitsverhältnisse macht. Mustererkennung ist das Analyseinstrument der Zeit geworden. Computer arbeiten so. Künstliche Intelligenz ist geradezu unheimlich leistungsfähig darin, ungeheure Datenmengen auf Muster zu durchsuchen und so blitzschnell zu Ergebnissen zu kommen. Wir staunen über die Effizienz des Verfahrens. Und so scheint es verlockend, es auch im Zwischenmenschlichen anzuwenden, um besser zu leben. Doch unter dem drastischen Etikett „toxisch“ dürften sich in den meisten Fällen recht widersprüchliche Strukturen verbergen. Weil das Leben nun mal so ist.