Port-Au-Prince: Das Wunder von Port-au-Prince

Port-Au-Prince: Das Wunder von Port-au-Prince

Bei dem Erdbeben in Haiti 2010 starben mehr als 300.000 Menschen. Nadine Cardozo-Riedl überlebte - und baut ihr Hotel wieder auf.

Als am 12. Januar 2010 - morgen vor acht Jahren - eines der verheerendsten Erbeben der Geschichte Haiti erschütterte, starben 316.000 Menschen, Hunderttausende wurden verletzt, fast zwei Millionen obdachlos. Zu den Opfern des Bebens gehörte auch Nadine Cardozo-Riedl. 105 Stunden lag sie schwer verletzt unter den Trümmern ihres Luxushotels, dann wurde sie lebendig geborgen.

Heute baut sie das "Montana" wieder auf, in dem bereits US-Präsident Bill Clinton, UN-Generalsekretär Kofi Annan, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Angelina Jolie zu Gast waren, wieder auf. Die starke Unternehmerin macht dem immer wieder von Naturkatastrophen erschütterten ärmsten Land der westlichen Hemisphäre Mut. Ihre Kraft zeugt vom unzerstörbaren Überlebenswillen der Haitianer.

"Höhlenforscherin werde ich wohl nicht mehr", sagt Nadine Cardozo-Riedl, "vier Tage unter der Erde haben mir für den Rest des Lebens vollkommen gereicht." Das Beben hat sie fast getötet, ihren Humor hat es ihr nicht nehmen können. Kerzengerade sitzt die 70-Jährige auf der Terrasse ihres Hotels und berichtet in perfektem Deutsch von jenen verhängnisvollen Tagen, über die sie eigentlich nicht mehr sprechen wollte. "Ich bin 70 Jahre alt. Davon habe ich 105 Stunden unter den Trümmern meines Hotels verbracht. Diese vier Tage sollen nicht den Rest meines Lebens dominieren", sagt die gebürtige Haitianerin, die ihren Mann 1972 bei den Olympischen Sommerspielen in München kennengelernt hat.

"Viele lagen wie ich unter den Trümmern. Viele haben noch Schlimmeres durchgemacht. Ich will mich mit meiner Geschichte nicht über andere erheben", sagt die Hotelmanagerin. Von sich aus spricht sie nie über das Beben. Sie schaut lieber nach vorne - und doch bestimmt die Katastrophe vom 12. Januar 2010 seither ihr Leben.

Am späten Nachmittag jenes Dienstages sitzt sie mit ihrem Generalmanager Nicolas in ihrem Büro neben der Rezeption und bespricht die Buchungen der nächsten Wochen. Die Zahlen sind gut. Cardozo-Riedl ist zufrieden. Dann bricht die Katastrophe über Haiti herein. Um 16.53 Uhr verschieben sich rund 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince die nordamerikanische und die karibische Platte, lassen Hunderttausende Gebäude im ärmsten Karibikstaat einstürzen, auch das "Montana". Als Nadine Cardozo-Riedl wieder zu sich kommt, liegt sie unter einer eisernen Tür. Über sich hat die 1,75 Meter große Frau gerade einmal fünf Zentimeter Luft, darüber türmen sich die Trümmer von vier Stockwerken. Ein Stahlträger hat sich in ihr Bein gebohrt. "Ich habe mich nur darauf konzentriert, die Schmerzen irgendwie zu ertragen. So hatte ich keine Zeit, zu verzweifeln", erzählt Cardozo-Riedl. In dem Moment ist ihr klar, dass es in dem von Misswirtschaft und Korruption niedergewirtschafteten Land kaum professionelle Rettungskräfte gibt und es viele Stunden oder gar Tage dauern kann, bis internationale Rettungskräfte eintreffen. Für viele kommen sie zu spät.

"Ich war und bin ein gläubiger Mensch. Aber in den Tagen unter den Trümmern habe ich mit meinem Gott gehadert. Ich habe mich gefragt: Warum lässt er so viel Leid zu?", sagt Cardozo-Riedl. Wie viel Zeit vergangen ist, nachdem das Hotel, das ihr Vater 1946 gegründet hatte und das sie seit 1973 mit ihrer Schwester führt, über ihr zusammengebrochen ist, weiß sie nicht. Sie spürt ihre Kräfte nach Tagen ohne Wasser bei 30 Grad Hitze schwinden. Da hört sie plötzlich eine Stimme: "Mama, bist du da unten?" Zunächst denkt Cardozo-Riedl, sie träume, dann erkennt sie die Stimme ihres Sohnes.

Nach vier Tagen hat kaum noch jemand Hoffnung, die Managerin lebendig aus den Trümmern ihrer Hotels zu bergen, doch ihr damals 30-jähriger Sohn Silvanh gibt nicht auf, kriecht immer wieder in die Spalten zwischen den eingestürzten Mauern und Decken, geht die Trümmer mit den Rettungskräften und Suchhunden ab. Als er schließlich ein Lebenszeichen seiner Mutter hört, arbeitet er sich mit den Rettern Zentimeter für Zentimeter vor. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Als ein Bergungsspezialist aus Peru von der internationalen Rettungsorganisation Bomberos Unidos sin Fronteras schließlich zur Verschütteten vordringt, beginnt er Psalmen aufzusagen und möchte mit ihr beten. Cardozo-Riedl raunzt ihn an: "Gib mir erst mal was zu trinken! Meinem Gott kann ich später danken." Der eiserne Wille der Schwerverletzten beeindruckt den frommen Retter. Seine Tochter wird er später Nadine nennen.

Die Bilder von Cardozo-Riedls Rettung gehen um die Welt. Die Hotelbesitzerin erfährt, dass unter den Trümmern ihrer 142 Zimmer und 42 Appartements 85 Menschen gestorben sind. Viele der Toten kannte sie persönlich: Familienangehörige, Freunde aus Deutschland, Gäste und viele langjährige Angestellte.

Nadine Cardozo-Riedl hätte von dem Ort, an dem sie so viele geliebte Menschen verlor und an dem ihr Lebenswerk in Sekunden zerstört wurde, fliehen können. Sie hätte mit ihrem Mann ins beschauliche Bad Aibling ziehen und das katastrophengeplagte Haiti für immer hinter sich lassen können. Es kam ihr nie in den Sinn. "Nach dem Beben haben viele Menschen nicht geklagt. Stattdessen sagten sie: Wir müssen dankbar sein, dass wir überlebt haben", sagt Cardozo-Riedl. Nach dem Unglück lässt sie sich von einem Spezialisten der Münchner Trauma-Ambulanz behandeln. Die Trauer erscheint übermächtig - bis Cardozo-Riedl beschließt, noch einmal ganz von vorne anzufangen. "Aufgeben liegt nicht in der Natur der Haitianer", sagt sie. Zusammen mit ihrer sieben Jahre älteren Schwester Garthe entscheidet sie sich, das Hotel wiederaufzubauen. Die harte Arbeit wird für die zähe Frau, die sich nach dem Beben neun komplizierten Operationen unterziehen muss, zur besten Medizin.

Nachdem 12.000 Lastwagen-Ladungen Trümmer abtransportiert worden sind, eröffnen die Schwestern das Hotel mit zunächst 15 Zimmern neu. Nur vier Monate sind da seit der Katastrophe vergangen. Mittlerweile hat das "Montana" 68 Zimmer - 120 sollen es einmal werden. 150 Menschen gibt das Hotel schon jetzt wieder Arbeit.

Der Luxusherberge ging es immer besonders gut, wenn es Haiti besonders schlecht ging. Der Sturz von Diktator "Baby Doc" Duvalier 1986, das Embargo von 1994, die Flucht von Präsident Jean-Bertrand Aristide, Uno-Missionen, Staatsstreiche, Invasionen, Naturkatastrophen: Wenn Haiti in den Schlagzeilen war, sendeten TV-Teams live von dieser Hotelterrasse. Humanitäre Helfer, Blauhelme, Reporter und Diplomaten diskutierten dort mit Blick auf die vielen Slums von Port-au-Prince, wie Haiti sich aus der Spirale aus Armut, Korruption, Naturkatastrophen und schlechter Regierungsführung befreien könne - und fanden bislang keine Lösung.

Doch in den letzten acht Jahren hat der unkoordiniert verlaufene Wiederaufbau viele Milliarden Dollar und Tausende internationale Helfer und Glücksritter nach Haiti gespült. Mittlerweile haben internationale Hotelketten Filialen in Port-au-Prince eröffnet. Nadine Cardozo-Riedl fürchtet die Konkurrenz nicht. Im Gegenteil, sie ist froh, dass endlich wieder Menschen kommen.

Angst, dass eine erneute Katastrophe bald alle Bemühungen wieder zunichte machen könnte, hat die Haitianerin nicht: "Die letzten großen Beben waren 1751, 1770, 1842 und 2010. Wir dürfen also hoffen, jetzt erstmal verschont zu werden", sagt die Optimistin. Zudem sei ihr Land mittlerweile viel besser auf Beben und Hurrikans vorbereitet. Im Stadtzentrum erinnert zwar noch die Ruine der Kathedrale an die verheerenden Erdstöße, aber, so Cardozo-Riedl: "Vieles ist in Haiti in den letzten acht Jahren schöner und sicherer wiederaufgebaut worden. Nicht nur unser Hotel."

(RP)