Berlin: Das Traumpaar der deutschen Politik

Berlin : Das Traumpaar der deutschen Politik

Schön, reich, gescheit und zu Hause in der Glitzerwelt des Adels, machte Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg Millionen Menschen süchtig nach den Hoffnungen auf eine bessere Welt mit ihm – und schien in der Plagiats-Affäre zugleich Spott, Verärgerung und Besorgnis eines anderen Teils des Publikums zu bestätigen.

Wer das Phänomen Karl-Theodor zu Guttenberg erklären will, muss es so machen wie sein Freund. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich nimmt gleich zwei Botschaften in den Mund, als er gestern Nachmittag die Perspektiven für die Politik nach dem Rücktritt skizziert. Es ist eine "Drohung" und zugleich ein "Versprechen". Die Drohung gilt den Gegnern, das Versprechen den Anhängern: Beiden sagt er voraus, dass Guttenberg schon bald wieder in die Politik zurückkehren werde.

Seit seinen ersten Anfängen wird der Freiherr von einer gespaltenen Wahrnehmung begleitet. Er ist alles andere als ein karriereorientierter Nachwuchspolitiker, als er mit 28 – erst mit 28! – in die CSU eintritt. Manche neiden ihm, dass er sich die Ochsentour der typischen Junge-Union-Typen spart, die bei Wind und Wetter gefühlte Jahrzehnte lang Wahlplakate kleben, bevor sie in der Partei in mühsam geknüpften Seilschaften allmählich vorankommen. Und doch müssen auch die Neider der ersten Stunde einräumen, dass der vorwärtsstürmende Adlige nicht nur bestürzend scharf und treffend zu formulieren weiß, sondern auch mit anpackt. Er schleppt die Kästen, und er öffnet die eine Bierflasche mit Hilfe der anderen, wie es auch die einfachen Leute vom Bau tun.

Gespaltene Wahrnehmung auch in seinen Anfängen im Bundestag: Den Außenpolitikern der Union geht es auf die Nerven, wie der neue Konkurrent an den etablierten Strukturen vorbei und immer wieder auch im offenen Widerspruch zu den gemeinsamen Positionen mit zündenden und mediengefälligen Sprüchen auf sich aufmerksam macht. Gleichzeitig breitet sich beim direkten Kontakt mit der Parteibasis eine Welle der Begeisterung aus, als habe da nicht ein Hinterbänkler aus dem fränkischen Kulmbach gesprochen, sondern als sei ein Tsunami der Glückseligkeit über die Delegiertentische gefegt.

Das Phänomen Guttenberg bewegt die reale Politik erstmals am 8. Dezember 2007: Die CSU hat in Oberfranken im Hintergrund alles geregelt. Hartmut Koschyk soll neuer Bezirkschef werden. Er ist in der Region der mit Abstand bekannteste und am besten vernetzte Politiker. Aber Guttenberg findet, dass er das mächtige Amt, typisches Karriere-Sprungbrett für alle wichtigen Posten, die die CSU zu vergeben hat, selbst auch ganz gut gebrauchen könnte. Und er tritt an, in offener Redeschlacht, obwohl Koschyk längst gesetzt ist. Eine halbe Stunde redet Guttenberg auf die Delegierten ein. Schon damals verwendet er das Muster, mit dem er auch jetzt wieder die Basis gegen "die in Berlin" instrumentalisiert. Und er gewinnt. Guttenberg wird zum Erfolgsprinzip gegen die verachtete "Hinterzimmer-Mentalität".

Wiewohl erst spät in die Partei eingetreten, ist Guttenberg mit gerade 36 der jüngste Bezirkschef in der CSU-Geschichte. Der familiäre Hintergrund ist zu dieser Zeit längst optimal organisiert, um auf der politischen Laufbahn zum ultimativen Sprint anzusetzen. Bei den Guttenbergs lebt man seit Jahrhunderten in geordneten Verhältnissen: oben der Adel im Schloss, unten die Bewohner im besten Einvernehmen. Moralisch lässt niemand etwas auf die Familie kommen, die mehrere Widerstandskämpfer hervorgebracht hat und immer ihren eigenen freien Willen auch in der bayerischen und der nationalen Politik bekundete. Geld macht unabhängig. Das Familienvermögen wird auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt.

Auch wenn die Ehe der adeligen Eltern früh scheitert, wendet sich auch der junge Baron wieder dem Adel zu, als er in Berlin bei einer Party am Rande der Loveparade eine 18-jährige Schönheit von der Seite anhaut: "Kann man eine Techno-Nudel wie dich auch zum klassischen Konzert überreden?", fragt der 23-Jährige die 18-Jährige. Es ist die Ururenkelin des Eisernen Kanzlers: Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Bald sind die beiden ein Traumpaar. Mit Traumtöchtern, Anna kommt 2001 zur Welt, Mathilda anderthalb Jahre später.

Sie gehen gerade zur Schule, als es für den Papa plötzlich ganz schnell geht. Kaum Bezirkschef, ist er auch schon CSU-Generalsekretär. Und damit erstmals im Blitzlichtgewitter der nationalen Medien. Die Redaktionen der bunten Adelsblätter stehen plötzlich Seite an Seite mit den politischen Analysen. Und beide stellen verblüfft fest, dass da etwas Neues entsteht. Und "neu" fasziniert immer.

Dieser CSU-Generalsekretär passt in keine Schublade. Was soll dort auch ein leibhaftiger Baron, wenn der sich in seinem Berliner Büro mit dem Katzentisch begnügt, damit es seine Mitarbeiter bequemer haben? Und was soll dort ein Generalsekretär, der nicht in die Waden der Gegner beißen mag, sondern lieber die eigenen Anhänger begeistern will?

Kaum 100 Tage hat er in dieser Funktion, da wirbelt ein uckermärkisches "Nüscht" sein Leben schon wieder durcheinander. Es ist die Antwort der Kanzlerin auf den Vorschlag des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, doch bitte seinen Freund Thomas Bauer zum Bundeswirtschaftsminister und damit zum Nachfolger des gegrämt zurückgetretenen Michael Glos zu machen. Nein, nicht mit Merkel. Guttenberg muss ran. Und er zündet aus dem Stand ein strahlendes Dauer-Feuerwerk, wo sein erfahrener bodenständiger Vorgänger mit einer schwachen Funzel im Nebel herumfuhrwerkte. Guttenbergs ausladende Pose auf dem Times Square in New York lässt die Profis des medialen Geschäftes die Luft anhalten: Da übernimmt sich einer. Das fällt ihm schon bald auf die Füße, spätestens wenn sich die Lichtgestalt als Luftikus entlarvt.

Doch Guttenberg zeigt schon bei der ersten Konfliktsituation innere Unabhängigkeit. Der Fall Opel adelt Guttenberg als Minister. Im Vorwahlkampf lässt man den Autokonzern nicht pleite gehen, sagen die Spitzen der großen Koalition. Doch ausgerechnet der Neue, der noch feucht hinter den Ohren sei, wie aus der Runde gewitzelt wird, stellt sich quer. "Geordnete Insolvenz", sagt Guttenberg. Die Wirtschaftsteile der Zeitungen feiern ihn. Endlich einer, der sich was traut.

Die Hochglanzmagazine schauen nun noch intensiver hin. Und sie entdecken einen Menschen mit formvollendeten Manieren. Der Minister lässt Damen den Vortritt, er hilft Fotografen beim Tragen schwerer Koffer. Und er ist einer, der nicht nur von Familie faselt. Sondern ein Minister, der nach der Kabinettssitzung mal eben zum Reitstall fährt, um wie versprochen den Töchtern bei der Reitprüfung leibhaftig die Daumen zu drücken – und dann wieder an den Regierungstisch zurückzukehren. Das macht er ohne Aufhebens. Ein Journalist erfährt zufällig von erstaunten Eltern von diesem speziellen Geheim-Termin.

Im Wahlkampf 2009 rackert er sich ab: Deutschland rauf, Deutschland runter. Und überall dieselbe Begeisterung. Der Mann rauscht nicht nur heran und ist dann schnell wieder weg. Der setzt sich mit in die Bank, posiert bereitwilligst für jedes Foto, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Und der fließt in Strömen. Nicht nur wegen der spätsommerlichen Wärme. sondern auch weil er mit 39 Grad Fieber eigentlich ins Bett gehört. Das Bett muss warten. Das ist kein Ort für einen Kämpfer wie ihn.

Dann der Wechsel. Und die wahre, echte Herausforderung für diesen Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Josef Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg, den Mann mit den vielen Vornamen, der mit wenigen Worten die Welt so einfach zu erklären weiß. Als Verteidigungsminister heißt das, einer überwältigend misstrauischen Öffentlichkeit das Afghanistan-Engagement erklären zu müssen. "Krieg" sagt er, wo sich seine Vorgänger verbal verbogen. Und rückhaltlos stellt er sich hinter die blutige Bombardierung von Tanklastern nahe Kundus. Das eine bringt ihm die Sympathie der Truppe, das andere ihn erstmals in Bedrängnis. Und er muss lernen, dass es ein Fehler sein kann, forsch aus dem Bauch heraus Mahnungen zur zurückhaltenden Bewertung in den Wind zu schlagen.

Die Öffentlichkeit hakt es unter Anfängerfehler ab. Zumal er mit dem Feuern der ranghöchsten Mitarbeiter den Zupackenden gibt. Aber er bietet damit zugleich eine Angriffsfläche, an der sich immer mehr Kritiker festkrallen. Sie beanstanden auch seine aus dem Bauch heraus entschiedene Ablösung des "Gorch Fock"-Kapitäns Norbert Schatz. Doch seine Anhänger lassen sich davon nicht erschüttern. Für sie wirkt Guttenberg wie eine Droge, die alle Tücken ihres Inhalts im Taumel großer Gefühle verschwinden lässt.

Millionen feiern Guttenberg als Inkarnation der Hoffnung auf eine bessere Politik, ja mehr noch, auf ein besseres Leben. Wie er immer scheinbar das richtige Wort findet, aber nie abzuheben scheint. Wie er in tiefer Verbeugung zum gehauchten Handkuss ausholt, wie er es sich nicht abgewöhnen will, Briefe mit "Ihr Ergebener" zu unterschreiben. Und vor allem: wie er mit Gattin Stephanie das ideale Paar zweier emanzipierter Menschen im modernen und doch traditionsbewussten Deutschland gibt. Während er im Flecktarn-Anzug in Afghanistan an die Front geht, vertritt sie ihn im eleganten roten Abendkleid auf dem Showparkett – er im Kampf gegen die Taliban, sie im Kampf gegen den Kindesmissbrauch. Sendezeit gibt das Fernsehen beiden nur zu gerne.

Das in den letzten Tagen eklatante Auseinanderfallen von Medienbeschreibung und Massenwahrnehmung in der Person Guttenbergs ist erstmals nach der berühmten Afghanistan-Reise des Ministers mit seiner Ehefrau und Talkmaster Kerner zu besichtigen. "Jetzt hat er endgültig übertrieben", sagt das Fernsehen. "Mehr davon", lautet die Antwort der Zuschauer.

In der Plagiatsaffäre hat die Kraft des Kämpfers am Ende nicht mehr gereicht, als ihn auch die heimische Wissenschaft einen Betrüger nennt. Doch die Mechanismen, die ihn zwei Wochen an der Macht halten, sie funktionieren immer noch. Am Nachmittag gründete sich bei Facebook die Gruppe "Wir wollen Guttenberg zurück". Nach einer Stunde zählte sie 10 000 Anhänger, nach drei Stunden sind es 50 000, am Abend weit über 230 000. Die Zahl dürfte sich noch vervielfachen. Denn das Phänomen Guttenberg ist nicht vorbei. Es macht lediglich Pause.

(RP)