Das Protokoll des Abgangs

Das Protokoll des Abgangs

Nicht einmal 24 Stunden lagen zwischen der Rede Hosni Mubaraks, in der er sich uneinsichtig zeigte, und seiner Rücktrittserklärung. Die Sturheit des 82-Jährigen stachelte die Entschlossenheit der Demonstranten an. Ihre Unbeugsamkeit brachte das Militär dazu, den Machtwechsel zu vollziehen.

kairo (RP) In ganz Ägypten brachen die Menschen in Jubel aus, als sie vom Rücktritt Hosni Mubaraks erfuhren. Im Herzen der Umsturz-Bewegung, auf dem völlig überfüllten zentralen Tahrir-Platz in Kairo, warfen sich spontan einige der Demonstranten zum Gebet auf den Boden. In der Nacht zuvor hatte die enttäuschende Fernseh-Ansprache Mubaraks die Menschenmassen in Wut versetzt und zur Fortsetzung des Protests aufgestachelt. Die Stunden zwischen diesen beiden Stimmungsumschwüngen waren von höchster Dramatik geprägt:

Donnerstag, 22.37 Uhr Vizepräsident Omar Suleiman, von Mubarak in seiner Fernsehansprache mit der Führung der Regierungsgeschäfte betraut, fordert die Demonstranten auf: "Geht zurück in eure Häuser, geht zurück an eure Arbeit. Hört nicht auf die Aufrufe aus dem Ausland."

23.06 Uhr Britische und arabische Sender melden, dass sich Tausende aufgebrachter Ägypter vom Tahrir-Platz auf den Weg zu einem der Präsidentenpaläste machen. Die Armee hat das Areal jedoch weiträumig abgesperrt.

23.40 Uhr Der Friedensnobelpreisträger und Oppositionsführer Mohammed El Baradei sagt: "Ägypten wird explodieren. Die Armee muss das Land jetzt retten."

23.45 Uhr CNN berichtet, wie der ägyptische Botschafter in Washington die Mubarak-Rede interpretiert: Der Staatschef habe seine Macht praktisch vollständig an seinen Vize Omar Suleiman übertragen. Kurz nach Mitternacht bestätigt ein Sprecher des Parlaments in Kairo diese Deutung.

Freitag, 0.24 Uhr El Baradei nennt auf CNN Mubarak und Suleiman "Zwillinge". Keiner von beiden sei akzeptabel.

1.00 Uhr Die Lage auf dem Tahrir-Platz ist ruhig; wie in den Tagen zuvor richten sich Tausende darauf ein, auf dem "Platz der Befreiung" zu übernachten.

7.12 Uhr Der Sender Al Arabija kündigt eine "wichtige Nachricht" des höchst einflussreichen Obersten Militärrats an.

8.17 Uhr Außenminister Guido Westerwelle mahnt im ZDF sofortige Reformen in Ägypten an. Die Weltgemeinschaft erwarte, "dass es jetzt einen demokratischen Wandel gibt, nicht irgendwann, sondern dass er jetzt beginnt".

9.15 Uhr Aus Sorge vor den Entwicklungen in Ägypten eröffnen wichtige europäische Aktienbörsen im Minus.

10.17 Uhr Eine Menschenkette blockiert die Zentrale des ägyptischen Fernsehens, das die Mubarak-Rede ausgestrahlt hatte.

10.51 Uhr Die Armee lässt über das Fernsehen erklären, dass kein friedlicher Demonstrant strafrechtlich verfolgt werde. Der seit 30 Jahren herrschende Ausnahmezustand werde beendet, sobald die Umstände dies zuließen. Freie Wahlen sollten vorbereitet werden.

11.00 Uhr Beginn der Freitagsgebete. Auf dem Tahrir-Platz wird in Schichten gebetet, weil zu viele Menschen auf dem Platz sind. Die Andacht geht nahtlos in Anti-Mubarak-Sprechchöre über, bei denen Nationalflaggen geschwenkt werden.

11.48 Uhr Die Bundesregierung fordert die ägyptischen Sicherheitskräfte auf, nicht gewaltsam gegen Demonstranten vorzugehen.

12.27 Uhr "Spiegel-Online"-Reporter Hasnain Kazim berichtet: "Nichts geht mehr auf dem Tahrir-Platz (...). Die Demonstranten sind zuversichtlich, dass die Revolution erfolgreich sein wird."

12.29 Uhr Der Sender BBC berichtet, dass im Badeort Scharm el Scheich am Roten Meer die Polizei massiv verstärkt worden ist, unter anderem an der Straße zu Mubaraks Villa.

13.58 Uhr Tausende Demonstranten haben in Suez ein Regierungsgebäude eingekesselt, meldet CNN. Auch in anderen Großstädten sind Menschenmassen auf den Straßen. In Alexandria gehen Scharfschützen auf dem dortigen Präsidentenpalast am Mittelmeer in Stellung.

15.06 Uhr Die Regierungspartei NDP bestätigt, dass Hosni Mubarak mit seiner Familie per Hubschrauber nach Scharm el Scheich geflogen ist. Vor dem verlassenen Palast im Kairoer Vorort Heliopolis rufen die Protestierenden: "Wir brauchen dich nicht mehr."

15.30 Uhr Das ägyptische Fernsehen kündigt eine wichtige Erklärung des Präsidialamts an.

15.52 Uhr Der Reiseveranstalter Tui beginnt damit, die restlichen 300 deutschen Urlauber auszufliegen.

17.05 Uhr Vizepräsident Suleiman gibt den Rücktritt Mubaraks bekannt. Auf dem Tahrir-Platz bricht Jubel aus. "Gott ist der Größte", rufen die Demonstranten. In ganz Ägypten, aber auch in anderen Ländern des Nahen Ostens zünden Menschen Freuden-Feuerwerke.

18.14 Uhr Der Oberste Militärrat übernimmt die Macht.

Internet Fotos aus Kairo und die aktuelle Lage in Ägypten unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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