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Das Leben des Kohl-Sohns

Das Leben des Kohl-Sohns

Walter Kohl, Erstgeborener des "Kanzlers der Einheit", schreibt eindringlich, entlarvend, am Ende versöhnlich die uralte Geschichte vom Sohn eines berühmten Vaters fort. Ein Lebensbuch.

Düsseldorf Dies ist die uralte, diesmal autobiografisch-eindringlich, ja erschütternd erzählte Geschichte zwischen einem berühmten Vater, der Legenden-Status besitzt, und dessen Sohn, der den Namen des Vaters trägt, dies als tonnenschwere Bürde empfand – so sehr, dass er über den Freitod als Erlöser grübelte.

Der Vater heißt Helmut Kohl, Bundeskanzler von 1982-1998, Schmied der Wiedervereinigung. Der Sohn ist Walter Kohl, der Erstgeborene von Helmut und Hannelore Kohl.

Walter Kohl (Jahrgang 1963) hatte 2008 öffentlich sein Herz ausgeschüttet über den ungeheuer dominanten Vater (Jahrgang 1930), über das meist vaterlose Familienleben mit der Mutter und dem jüngeren Bruder Peter, über das seit 1971 bewohnte Elternhaus in Ludwigshafen-Oggersheim, das der heranwachsende Walter als grässliche, mauerbewehrte Festung erlebt hat. Der Vater hielt das Interview für eine Form des Verrats. Und auf Verrat beziehungsweise das, was er dafür hielt, reagierte Helmut Kohl wie ein Clan-Boss politisch und persönlich mit der Höchststrafe: Unversöhnlicher Entzug jeglicher Zuwendung.

Sohn Walter, Volkswirt und Geschäftsmann im Autosektor, hat in einem bemerkenswerten Lebens-Buch tief hineingeleuchtet in die Vater-Sohn-Beziehung. Er hat sein Innerstes nach außen gekehrt. Man liest in der Vorveröffentlichung des Magazins "Focus" ergreifende Passagen, etwa über die Härte (Kälte?) eines großen Mannes gegenüber seinem Filius, der als Kind und Jugendlicher einen Vater wollte, aber einen politischen Koloss erlitt, der über- und andersbeschäftigt zu Hause eher als Gast wahrgenommen wurde. Walter Kohl schreibt über die väterlichen Präferenzen: "Niemals hätte er, mit ganz wenigen Ausnahmen. etwa dem Unfall meines Bruders 1991, einen Partei- oder Ämtertermin zugunsten einer familiären Verpflichtung fallengelassen."

Jahrzehntelang hat der Sohn auf ein klärendes Gespräch mit dem scheinbar Unerreichbaren gehofft. Heute weiß er, dass dieses Gespräch nie geführt werden wird. Der Sohn hat sich damit abgefunden. Er hat mit sich, dem innerlich zerrissenen, ja eine Zeit lang lebensmüden "Sohn Kohls" Frieden geschlossen – auch mit dem Vater hat er dies getan.

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Der Vater, aus härtestem Holz, hat die Anfälle von Schwermut und Klage über die Beschränkungen und Kränkungen einen Prominenten-Kindes nicht ernst genommen. "Du musst stehen" hieß der väterliche Rat, oder auch: "Vergiss nicht die Vorteile, welche du aufgrund deiner Herkunft hast." Walter sah stets nur die Nachteile.

Für Helmut Kohl war klar: Ich will im Leben Hammer, nicht Amboss sein. Sein Sohn befreite sich erst langsam vom Grundgefühl, dass er nicht wirklich lebe, vielmehr gelebt werde. Beeindruckend sind die Schilderungen am Totenbett der Mutter (5. Juli 2001); aufwühlend die Erzählung, wie der Vater nach der Wiederheirat 2008 auf die Frage des Sohnes, ob jener die Trennung wolle, mit Ja antwortete. Helmut Kohls zweite Frau, Maike Richter-Kohl, wird von dem verletzten, erst jetzt versöhnlich gestimmten Stiefsohn, der über die Eheschließung des Vaters per Telegramm-Zeilen im Nachhinein informiert wurde, als eine Schlussstrich-Frau geschildert: "Sie gab mir unverblümt zu verstehen, dass sie meinen Vater am liebsten ganz für sich allein haben wollte."

(RP)