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Jerusalem: Das ewige Ringen um den Tempelberg

Jerusalem : Das ewige Ringen um den Tempelberg

Hier liegen einige der heiligsten Stätten des Judentums und des Islam, aber der Streit um Jerusalems Zentrum ist vor allem politisch.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin am vergangenen Donnerstag betonen wollte, wie wichtig die annektierte Halbinsel Krim für Russland sei, verglich er sie in ihrer Bedeutung mit der des Jerusalemer Tempelbergs für Juden und Muslime. Eine politische Instrumentalisierung des Sakralen, die freilich auch in Jerusalem immer schon für Streit gesorgt hat und den Scharfmachern beider Seiten bis heute pseudo-religiöse Munition für ihre Provokationen bietet.

Für religiöse Juden ist der Tempelberg heilig, weil hier einst die beiden jüdischen Tempel standen. Im Zentrum des heute muslimischen Felsendoms mit der markanten goldenen Kuppel liegt der "Gründungsfels". Nach jüdischer Tradition ist hier der Anfang der Welt, deren Mittelpunkt der Tempelberg markiert. Nach biblischer Überlieferung war Abraham an dieser Stelle kurz davor, seinen Sohn Isaak zu opfern. Nur der Hohepriester durfte am höchsten Feiertag Jom Kippur an den Felsen treten, um die Vergebung der Sünden seines Volkes zu erflehen.

Nach der israelischen Eroberung der Jerusalemer Altstadt 1967 räumte der damalige Verteidigungsminister Mosche Dayan allein den Muslimen Gebetsrechte ein, Anhänger anderer Religionen dürfen den Tempelberg nur besuchen. Dayan ging davon aus, dass die Moscheen für die Muslime eine religiöse Bedeutung hatten, für die Juden der Tempelberg hingegen nur von historischer Wichtigkeit war.

Im nationalreligiösen Lager wurden zuletzt die Rufe nach einer Änderung dieser Regeln immer lauter. Moderate Rabbiner fordern nur Gebetsrechte für die Juden. Radikalere Stimmen zielen offen auf die Errichtung des dritten jüdischen Tempels. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat wiederholt versichert, dass der Status quo erhalten bleibt, doch selbst einige seiner Parteifreunde verfolgen eine andere Linie als er.

Für Muslime hat der Tempelberg neben seiner religiösen auch eine politische Symbolfunktion im arabisch-israelischen Konflikt. Im Sommer 2000 soll das von der PLO geforderte Recht, die palästinensische Flagge auf dem Tempelberg hissen zu dürfen, ein Grund für das Scheitern der Friedensverhandlungen von Camp David gewesen sein.

Die Palästinenser könnten aber nicht allein über den Tempelberg entscheiden. Der Hüter des Geländes gilt als ein verlängerter Arm des jordanischen Ministeriums für Heiligtümer. Bis zum Beginn der israelischen Besatzung 1967 stand der Tempelberg unter jordanischer Verwaltung. Dayan übergab sie der "Wakf", einer frommen Stiftung islamischen Rechts, der auch der Mufti von Jerusalem angehört. Das letzte Wort aber hat der jordanische König. Für die Sicherheit auf dem Gelände und an den Zugangstoren ist die israelische Polizei zuständig.

(RP)