Das chinesische Trauma vom Massaker vor 30 Jahren auf dem Tiananmen-Platz

30 Jahre nach dem Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ : Das chinesische Trauma

Vor 30 Jahren schlug Chinas Führung den Protest von Studenten blutig nieder. Die Spuren der Vergangenheit wurden gründlich getilgt. Jetzt will das Land wieder zu dem werden, was es einst war: das Reich der Mitte.

Es ist eines der bekanntesten Pressefotos des 20. Jahrhunderts, eine Ikone. Die Aufnahme zeigt einen schmächtigen Mann, weißes Hemd, schwarze Hose, in beiden Händen hält er jeweils eine Einkaufstüte. Der Mann steht mitten auf einer breiten Avenue im Zentrum von Peking und stellt sich einem Konvoi von vier Panzern der Volksbefreiungsarmee in den Weg, der auf den Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen-Platz) vorrücken will. In dessen Umfeld war es am Vortag zu einem Massaker an rebellierenden Studenten gekommen. Die Szene zivilen Ungehorsams, die am 5. Juni 1989 von mehreren Fotografen und Kamerateams festgehalten wurde, ging um die Welt, und im April 1998 nahm das „Time Magazine“ den einsamen Widerständler sogar in seine Liste der 100 einflussreichsten Personen des Jahrhunderts auf.

Man kann dieses Foto überall auf der Welt finden, in Büchern, im Fernsehen, in Zeitungen, im Internet. Überall – nur nicht in China.

Die Vorkommnisse vom Juni 1989, die brutale Niederschlagung einer friedlichen Protestbewegung durch die Armee und ihre Opfer werden seit 30 Jahren eisern totgeschwiegen. Man weiß nicht genau, wie viele Tote es damals gegeben hat, es waren mit Sicherheit Hunderte, vermutlich sogar Tausende. Es ist, als habe es sie nie gegeben. Auch der „tank man“, der sich den Panzern in den Weg stellte, ist spurlos verschwunden. Vier Unbekannte hatten ihn seinerzeit nach einigen Minuten von der Straße gezerrt, die Panzer rollten weiter. Systematisch hat die Staats- und Parteiführung alle Spuren des Massakers getilgt und die Erinnerung daran tabuisiert. Dabei wird auch der gesamte Hightech-Apparat der chinesischen Zensur und Internetkontrolle eingesetzt, um das Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis von 1,4 Milliarden Chinesen zu löschen. Diese Manipulation ist so erfolgreich, dass selbst einige Augenzeugen des Blutbads berichten, dass sie heute manchmal an ihrer eigenen Erinnerung zweifeln.

Trotzdem markiert der 4. Juni 1989 eine Wende. Mit dem Tiananmen-Schock platzte die im Westen gerne gepflegte Illusion, China werde sich im Zuge seiner rasanten wirtschaftlichen Entwicklung unweigerlich auch gesellschaftlich liberalisieren und politisch kompatibler mit westlichen Demokratievorstellungen werden. Aber ausgerechnet der auch international bewunderte Reformer Deng Xiaoping, der Architekt der großen chinesischen Aufholjagd und der Öffnung Chinas, hatte das harte Durchgreifen gegen die Studenten befürwortet. Damit war klar: An der Alleinherrschaft der KP war auch weiterhin nicht zu rütteln, und sei es um den Preis hemmungslosen Blutvergießens.

Der unausgesprochene Sozialkontrakt zwischen den Bürgern und den Mächtigen in China lautet: Die ungeteilte Macht der Partei beruht darauf, dass das Wirtschaftswachstum anhält, dass der Wohlstand beständig wächst. Seit Tiananmen bemüht die kommunistische Führung allerdings verstärkt auch ein weiteres Argument, um den Fortbestand des Regime zu sichern: die internationalen Ambitionen Chinas. Die Partei tritt dabei als entschlossener Verteidiger der chinesischen Kultur, Traditionen und Werte auf. Ihr Machtanspruch soll sich nicht nur aus guten Konjunkturdaten, sondern auch aus der ehrwürdigen chinesischen Geschichte legitimieren.

Dabei schreckt man in Peking nicht davor zurück, die Vergangenheit unter ideologischen Vorzeichen kräftig zu manipulieren. So wurde in den letzten Jahren sehr viel Geld in archäologische und historische Forschungen gesteckt, die den Beleg erbringen sollen, dass China schon in der menschlichen Frühgeschichte eine herausgehobene Rolle gespielt hat.

 Geschichte ist eine chinesische Besessenheit, und selbst einfache Bürger nutzen jede Gelegenheit, Ausländern gegenüber stolz ihre 5000-jährige Kultur zu preisen. Xi Jinping, Chinas Präsident, instrumentalisiert diesen historischen Patriotismus systematisch und betont die chinesischen Traditionen wie noch keiner seiner kommunistischen Vorgänger. Und er tut dabei etwas, was frühere chinesische Führer noch vorsichtig vermieden hatten: er fordert für China einen angemessenen Rang in der Welt. Wobei „angemessen“ im chinesischen Selbstverständnis bedeutet, dass China wieder das wird, was es über Jahrtausende war, nämlich das mächtigste Land der Welt.

Nicht umsonst nennen die Chinesen ihr Land bis heute das „Reich der Mitte“. Über Jahrtausende setzten die Chinesen China und die Welt gleich. Natürlich wusste man von der Existenz anderer Völker und Staaten. Aber wer sich dem chinesischen Kaiser unterstellte, durch Tribute oder auch nur durch symbolische Gesten wie dem rituellen „Kotau“, gehörte zum chinesischen Kulturkreis und damit zum Reich. War dies nicht tat, galt als „Barbar“.

Dieses Bild blieb lange intakt, und noch bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein war China zudem die größte Wirtschaftsmacht der Welt. Doch dann mussten Chinas Herrscher schmerzhaft lernen, dass ihr Reich doch nur ein Land von vielen ist – und zwar nicht unbedingt das mächtigste. Die westlichen Kolonialmächte setzten rücksichtslos ihre Wirtschaftsinteressen durch und erzwangen in den Opiumkriegen eine Öffnung des chinesischen Markts. Das stolze China war militärisch unterlegen und zutiefst gedemütigt; das riesige Reich verwandelte sich in ein politisch impotentes Armenhaus.

Mehr als 100 Jahre dauerte dieses „Zeitalter der Erniedrigung“, eine historische Erfahrung, die viele Chinesen bis heute als traumatisch empfinden. Sie unterstützen daher aus vollem Herzen das Vorhaben, China zu alter Größe zurückzuführen. Zwar hat sich das Land seit dem Ende der Kaiserzeit 1912 von seinem früheren universellen Anspruch verabschiedet. Künftig will China nicht mehr die ganze Welt darstellen, sondern nur noch ein Teil der Welt sein. Allerdings ein ganz besonderer, einmaliger Teil. China, so lautet die Begründung, habe in seiner Geschichte eine Entwicklung durchlaufen, die so einzigartig sei, dass sie ganz unvergleichliche gesellschaftliche und intellektuelle Verhältnisse hervorgebracht habe. Übrigens auch einer der Gründe, warum man sich in Peking ausländischer Kritik grundsätzlich nur höchst ungern stellt. Die rasante Modernisierung des Landes in den vergangenen Jahrzehnten verlief zwar nach westlichem Vorbild, aber sie war nur Mittel zum Zweck, und der lautet bis heute: China muss wiedererstarken.

Das alles ist absolut kein Geheimnis. Präsident Xi Jinping bezeichnet den Aufstieg seines Landes an die Weltspitze als „chinesischen Traum“, und in Chinas Klassenzimmern hängen Weltkarten, auf denen China wie selbstverständlich im Zentrum liegt. Schon vor einigen Jahren schrieb die chinesische Führung in einer Art Masterplan auf, wie sie den Globus wirtschaftlich zu erobern gedachte. „Made in China 2025“ taufte man die Strategie, die die Volksrepublik bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts in zehn genau definierten Schlüsselbranchen an die Spitze katapultieren soll – unter anderem auch durch den gezielten Aufkauf ausländischer Spitzentechnologie.

Zwar bemüht sich Peking, dem Rest der Welt die Angst zu nehmen, schon bald vom Riesen aus Fernost überrannt zu werden. „Win-win“ lautet die Formel, die das Versprechen enthält, dass Chinas machtvolle Expansion am Ende allen Beteiligten Profit verspreche. Auch das gigantische, strategisch angelegte Infrastrukturprojekt, in dessen Rahmen China unter Berufung auf die historische Seidenstraße rund um den Globus Milliarden in Straßen, Häfen, Bahnlinien, Stromnetze und Pipelines investiert, wird verkauft als ein chinesisches Geschenk an die Welt. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn China geht es sehr wohl auch um knallharten geopolitischen Einfluss.

Das hat man in den USA sehr viel früher begriffen als in Europa. Barack Obamas politischer „Schwenk nach China“ wurde auch in Deutschland lange missverstanden als amerikanischer Versuch, China zum Schaden Europas als neuen starken Partner zu gewinnen. In Wirklichkeit ging es von Anfang an um eine Politik der Eindämmung gegenüber Peking. Obamas Nachfolger Donald Trump, der mit dem geplanten Pazifik-Freihandelsabkommen TPP zunächst einen wichtigen Pfeiler der Anti-China-Strategie seines Vorgängers eingerissen hatte, eskaliert diesen Konflikt gerade zu einem kalten Technologie- und Handelskrieg. Und auch in der EU ist neuerdings das Bewusstsein gewachsen, dass sich Europa nicht nur in einem technologischen Wettbewerb mit China befindet, sondern auch in einem Wettbewerb der Systeme: liberaler westlicher Kapitalismus gegen autoritären Staatskapitalismus.

Ökonomisch, daran besteht angesichts von 1,4 Milliarden Einwohnern kaum ein Zweifel, wird China selbst die USA irgendwann überholen. Diese wirtschaftliche Dominanz wird sich dann auch in politische Macht ummünzen lassen. Vermutlich wird Peking dafür nicht einmal militärisch mit den Amerikanern gleichziehen müssen. Zwar rüstet Peking seit Jahren gewaltig auf. Aber abgesehen von der aggressiven Durchsetzung angeblicher Territorialansprüche im südchinesischen Meer, wo China im Streit mit den übrigen Anrainerstaaten etliche Riffe zu Festungen ausgebaut hat, ist nicht zu erkennen, dass das Land nach der Rolle einer global agierenden Militärmacht strebt. Der Grund dafür ist: Es ist einfach zu teuer, selbst für das riesige China. Da hält es die aktuelle Führung ganz mit der Strategie der chinesischen Kaiser, die die Welt geschickt kontrollierten, ohne ferne Länder zu besetzen.

Chinas starker Mann: Präsident Xi Jinping. Foto: AP/Mark Schiefelbein

Chinas Führung will keine bipolare Welt wie im Kalten Krieg, es hat kein Interesse daran, einen Block gegen die USA und ihre Verbündeten anzuführen. Sie träumt von einer multipolaren internationalen Ordnung, in deren Zentrum China thront – unumgänglich und unverzichtbar. Präsident Xi Jinping, Chinas neuer Kaiser, um den sich ein früher undenkbarer Personenkult entwickelt hat, treibt den Wiederaufstieg seines Landes voran. Spätestens 2049, zum 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll er vollzogen sein – 60 Jahre, nachdem ein schmächtiger Mann den Mächtigen in Peking vor den Augen der Welt die Stirn geboten hatte.

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