Berlin: Bundeswehr zu hart für Rekruten?

Berlin : Bundeswehr zu hart für Rekruten?

Die jungen Offizieranwärter sind zunehmend den körperlichen Herausforderungen in den Streitkräften nicht mehr gewachsen. Das hat der Kapitän der "Gorch Fock", Nobert Schatz, beklagt. Viele schafften nicht einmal mehr zehn Klimmzüge hintereinander. Muss die Ausbildung angepasst werden?

Die pummelige junge Soldatin wird von ihren zwei männlichen Kameraden im Zeitlupentempo fast wie ein Sandsack über die Hindernisbahn geschleppt; trotz der Hilfe bricht sie am Ende fast zusammen – ein inzwischen aus dem Internet gelöschtes Youtube-Video, das 2009 an der Offizierschule in Dresden entstanden sein soll, lässt Böses ahnen über die allgemeine Fitness in der Truppe.

Der Absturz einer Kadettin aus der Takelage des Segelschulschiffs "Gorch Fock" wirft grundlegende Fragen auf: Ist die Grundausbildung der Armee zu hart für Menschen des 21. Jahrhunderts? Dem widerspricht eine Hamburgerin, die selbst auf der "Gorch Fock" fuhr: "Das ist individuell sehr unterschiedlich. Ich war begeistert von der Zeit auf dem Schulschiff und habe sehr viel gelernt, auch über mich selbst. Andere Kameraden hassten dagegen diese Ausbildung, waren häufig seekrank und kamen mit dem engen Zusammenleben an Bord nicht klar." Für die Empfindlichkeit mancher Kameraden zeigt die 24-Jährige, heute Leutnant zur See, kein Verständnis: "Es gab an Bord für jeden Momente, wo er über seine Grenzen gehen musste. Aber es ist doch klar, dass man nicht auf ein Kreuzfahrtschiff kommt."

Der tödliche Unfall müsse nicht unbedingt mit Unsportlichkeit zu tun haben. "Ich bin selbst nur 1,60 Meter groß und habe mir manchmal gewünscht, länger zu sein." Die Wanten und Leinen zum Aufentern seien eher für Männer angeordnet.

Die Bundeswehr sei auch beim Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft, bestätigt ein Oberleutnant (26) unserer Zeitung, der seit 2004 in der allgemeinen Grundausbildung des Heeres tätig ist. "Ich habe den Eindruck, dass die körperliche Leistungskraft stark nachgelassen hat. Über die Hälfte meiner Rekruten hat offenkundig außer in der Schule noch niemals Sport getrieben. Das Durchhaltevermögen ist bedenklich: Bereits nach sechs Kilometern Fußmarsch heulen die Ersten, weil sie einfach am Ende sind." Dies führe dann auch zum psychischen Knacks. "Sie helfen sich nicht und entwickeln auch keinen Korpsgeist mehr."

In Internet-Foren werden teils gespenstische Diskussionen geführt. Da fragt eine Kathi (20), die bei 1,70 Meter Größe 90 Kilo wiegt, ob das ein Hinderungsgrund für eine Offizierkarriere sei. Eine andere Bundeswehr-Interessierte bringt sogar angeblich 120 Kilo auf die Waage. Bereits 2008 hatte der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe beklagt, dass mehr als 40 Prozent der jungen Soldaten übergewichtig seien, unter den Zivilisten zum Vergleich "nur" 35 Prozent. Unter starkem Übergewicht litten danach sogar 8,5 Prozent der Bundeswehrangehörigen. Vielfach wird die "überbordende" Bürokratie als Entschuldigung dafür genannt, dass die Soldaten zu viel im Büro und zu wenig auf dem Sportplatz anzutreffen seien.

Eine noch klarere Aussage erlaubt die Statistik der Musterungen. Anfang des Jahrtausends waren noch 86 Prozent eines Jahrgangs tauglich, acht Jahre später nur noch 54 Prozent. Noch krasser ist der Befund bei denen, die als "nicht tauglich" für den Grundwehrdienst schon gar nicht mehr infrage kamen: Im Jahr 2000 waren dies zehn Prozent, acht Jahre später schnellte ihr Anteil auf über 40 Prozent hoch. Das hatte allerdings auch damit zu tun, dass die Kategorie der "bedingt tauglichen" jungen Männer abgeschafft wurde – mit dem Ergebnis, dass die statistisch gefühlte Wehrgerechtigkeit wieder in einen akzeptablen Bereich rutschte. Zuletzt wurden wieder mehr als körperlich schlecht gemusterte junge Männer eingezogen, weil die Gesamtstärke der Jahrgänge deutlich abnahm.

Die Anzahl der als "voll verwendungsfähig" gemusterten Anwärter sank seit 1999 von 7,6 auf 4,6 Prozent. Beim Bundeswehr-Fitnesstest fallen vor allem Abiturienten durch.

Der Präsident des Bundes Deutscher Fallschirmjäger, Generalmajor a.D. Georg Bernhardt, sieht "ein gefährliches Auseinanderdriften der Ansprüche in der Gesellschaft und den Erfordernissen einer modernen Armee. Die Computer- und Fernsehkultur führt dazu, dass die Menschen nur noch vor dem Bildschirm sitzen." Das sei nicht nur von der Fitness her ein riesiges Problem. "Es geht auch auf Kosten der sozialen Kompetenz." Dies verschärfe die neue Form der Offizierausbildung in eigenen Anwärterbataillonen. "Der angehende Offizier erlebt nicht mehr wie früher in der gemeinsamen Grundausbildung alle gesellschaftlichen Schichten und beruflichen Werdegänge, sondern kommt frisch vom Gymnasium quasi in eine neue Schulklasse."

Internet Was ehemalige Rekruten über die "Gorch Fock" denken: www.rp-online.de/panorama

(RP)
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