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Brexit: Wuppertaler Künstler Tony Cragg will doppelte Staatsbürgerschaft

Britischer Bildhauer : Tony Cragg will im Falle des Brexits die doppelte Staatsbürgerschaft

Der britische Bildhauer glaubt im Brexit auch ein Zeichen politischer Ignoranz und großen Unwissens zu sehen.

Er zählt zu den prominentesten Briten hierzulande: der engliche Bildhauer Tony Cragg, der sein Werk unter anderem auf der Documenta in Kassel und auf Biennalen in Venedig präsentiert hat. Der 69-jährige, mit dem Turner-Preis geehrte Künstler, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Wuppertal. Dort hat der frühere Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie mit dem 15 Hektar großen Skulpturenpark Waldfrieden auch ein eigenes Ausstellungsgelände.

Aus Deutschland verfolgte Tony Cragg den schwierigen Ausstieg seiner Heimat aus der Europäischen Union.

Wie haben Sie den vergangenen Tag mit Blick auf die Brexit-Debatten in Ihrer Heimat erlebt?

Cragg Das ist ziemlich grotesk, was da angelaufen ist und noch abläuft. Über die Entscheidung der Volksbefragung damals war ich noch entsetzt, aber inzwischen ist man darin doch abgestumpft. Und eigentlich waren die Ergebnisse besonders in dieser Woche vorausschaubar. Es ist also gar nicht so aufregend für mich, es ist immer nur eine fortwährende Enttäuschung.

So vorausschaubar es gewesen sein mag, verständlicher wurde es dadurch aber nicht.

Cragg Egal, welches Ergebnis man jetzt anstrebt, es wird kein schnelles Ergebnis sein. Das Problem ist doch, dass Theresa May alle Verhandlungen mehr oder mit einer ganz kleinen Gruppe von Menschen geführt hat und es versäumt hat, sogar mit ihrer eigenen Partei zu sprechen, wie auch mit wichtigen Gruppierungen der Gesellschaft – mit den Gewerkschaften etwa oder den Oppositionellen. Das ist einfach ganz schlechtes politisches Handwerk. May ist maßgeblich schuld an unserem Problem.

Spiegelt sich in diesem Verhalten auch ein Rückgang demokratischer Sensibilität?

Cragg Das würde ich nicht sagen. Ich finde es als Engländer natürlich wunderbar, wenn die Abgeordneten in ihrem Parlament stehen und argumentieren und sie ihre etwas stilisierten Konventionen pflegen. Aber sie sagen eben auch sehr direkt und manchmal hart ihre Meinung. Und irgendwann wird es auch für den Brexit eine Lösung geben, da bin ich mir sicher. Alle haben einfach unterschätzt, dass der Ausstieg aus der EU eine äußerst komplizierte Sache ist.

Hat sich ihr Verhältnis zur Heimat verändert seit dem Brexit-Votum?

Cragg Es ist schwer für mich, das zu benennen, weil ich seit 40 Jahren in Deutschland lebe, somit mehr als die Hälfte meines Lebens. Man gewöhnt sich dann irgendwann daran, was hier in Deutschland passiert – und hält es für normal. Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Gepflogenheiten. Tatsächlich ist die EU-Skepsis nicht das Problem von nur einem Land. Vielmehr ist ein Zeichen der Zeit: Die Ignoranz in politischen Fragen ist inzwischen ungeheuer hoch. Nationalistische Interessen spülen auf einmal wieder hoch. Sicher, jeder hat das Recht, eine auch emotionale Bindung zu dem Land zu haben, aus dem er kommt. Das ist ganz natürlich. Aber eine überspitzte nationale Haltung einzunehmen und nicht mehr die Fähigkeit zu haben, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, ist das Indiz für ein insgesamt beschämendes Unwissen. So etwas erleben wir in anderen Formen derzeit in vielen Ländern.

Ist Großbritannien in der Brexit-Frage somit ein Opfer des Populismus geworden?

Cragg Ja, Großbritannien ist ein Opfer des Populismus. Es gibt einfach bestimmte Fragen, die man nie mit einem Volksentscheid beantworten sollte. Das wäre fast so, als würde man in Deutschland einen Volksentscheid zur Steuer durchführen. Es ist einfach ein Irrsinn gewesen, eine so komplexe Geschichte wie den Verbleib in der EU mit einem Volksentscheid lösen zu wollen. Dafür ist die Unwissenheit zu groß. Am Ende siegen Populismus und Nationalismus; am Ende siegen also die scheinbar einfachen Lösungen.

Wie europäisch ist Großbritannien heute noch?

Cragg Das Land ist immer ein integraler Bestandteil Europas gewesen und wird es auch bleiben. Dass Großbritannien vollständig von Wasser umgeben ist, spielt meines Erachtens nicht so eine große Rolle, wie es manchmal betont wird.

Ist es grundsätzlich ein Versäumnis, nicht öfter über die Werte der EU zu sprechen?

Cragg Absolut. Wissen Sie: Ich habe neulich irgendwo gelesen, dass die sogenannten alten Griechen vor 2800 Jahren bereits wussten, dass die Erde eine Kugel ist. Wie kann es also sein, dass dieses Wissen 1500 Jahre später einfach wieder unbekannt ist? Ich bin 1977 aus familiären Gründen nach Deutschland gekommen und kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie schlecht es den Briten damals ergangen ist – mit Streiks, Inflation, hoher Arbeitslosigkeit. Dass die Briten vergessen haben, was die Subventionen der Union ihnen gebracht haben, ist eigentlich verrückt.

Und was wird sich für Sie persönlich ändern?

Cragg Na ja, ich bin englischer Staatsangehöriger. Doch denke ich in letzter Zeit schon darüber nach, die doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen. Wissen Sie, ich habe mein Leben hier in Wuppertal gefunden und möchte auch künftig darum auf keinen Fall Nachteile erfahren.