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Bochum: Bochum: Proteste gegen Erdogan

Bochum : Bochum: Proteste gegen Erdogan

Wegen der angekündigten massiven Proteste gegen die Verleihung des "Steiger Awards" an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bereitet sich die Polizei in Bochum für morgen auf einen Großeinsatz vor. Mindestens 20 000 Demonstranten werden erwartet, wenn der türkische Regierungschef am Samstagabend im Rahmen einer Gala in der Bochumer Jahrhunderthalle ausgezeichnet werden soll.

Nach Darstellung der Veranstalter würdigt der seit 2005 verliehene "Steiger Award" Werte wie Offenheit und Toleranz. Erdogan bemühe sich "seit Jahren um einen demokratischen Wandel in seinem Land", so die Begründung für die Auszeichnung in der Kategorie "Europa". Seit Erdogan vor zehn Tagen als Preisträger bekanntgegeben wurde, wuchs jedoch die Empörung. So prangerte der Zentralverband der Assyrischen Vereinigungen in einem offenen Brief neben fehlenden Minderheitsrechten für Assyrer in der Türkei auch die mangelnde Pressefreiheit an sowie die Folter, der türkische Gefangene ausgesetzt seien. Von einem "Schlag ins Gesicht aller Minderheiten in der Türkei, die staatlich organisierter Intoleranz und Unmenschlichkeit ausgesetzt seien", sprach die Alevitische Gemeinde in Deutschland. Der Zentralrat der Armenier in Deutschland (ZAD) wandte ein, Erdogan verweigere die Anerkennung des EU-Mitgliedstaats Zypern und hindere türkische Migranten in Deutschland an einer wirklichen Integration. Die übrigen diesjährigen Preisträger, darunter Königin Silvia von Schweden und Altbundespräsident Horst Köhler, forderte der ZAD auf, ihren "Steiger Award" abzulehnen.

Der Bochumer Medienunternehmer und Initiator des Preises, Sascha Hellen, bemühte sich vergeblich um Entspannung. Erdogan, so erklärte Hellen, erhalte den Preis "stellvertretend für das türkische Volk für 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft". Die Auszeichnung sei "ausdrücklich keine Bewertung der innen- und außenpolitischen Aktivitäten des türkischen Ministerpräsidenten".

Die Laudatio auf Erdogan hält Gerhard Schröder, und auch daran entzündete sich massive Kritik. Der Schriftsteller Ralph Giordano verfasste einen offenen Brief an den Altbundeskanzler, in dem er scharf gegen die Preisverleihung protestiert. Erdogan leugne weiter den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, so Giordano. Der AKP-Parteichef personifiziere "diese türkische Lebenslüge wie kein Zweiter in unserer Zeit".

Kritik gab es auch am Auftritt des Autors Henning Mankell, der die Laudatio auf Horst Köhler halten soll. Mankell werden israelfeindliche bis antisemitische Äußerungen vorgeworfen. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Justizminister Thomas Kutschaty (beide SPD) hatten ihre Teilnahme an der Preisverleihung kurzfristig abgesagt.

(RP)